[Buch] Der einarmige Pianist

 

Oliver Sacks ist ein britischer, in den USA lebender, Neurologe oder salopp gesagt: Hirnforscher, der eine Reihe von populärwissenschaftlichen Bücher veröffentlich hat. Einigen dürfte jener Herr aus dem Film „Zeit des Erwachens„, verkörpert von Robin Williams, bekannt sein. Darin geht es um Menschen, die von der Schlafkrankheit befallen sind und durch das Medikament L-Dopa zeitweise „zum Leben erweckt“ werden. Dieser Film basiert auf realen Begebenheiten, die Sacks in „Awakenings“ beschrieben hat.

Auch im einarmigen Piansten folgt Sacks seinem typischen Erzählschema: er erzählt von zahlreichen wahren Fällen, als ob man seinen Großvater vor sich sitzen hätte, der von seiner Berufszeit als Neurologe berichtet. Natürlich wird man auch mit einigen medizinischen Begriffen konfrontiert, aber die kann man getrost übergehen, wenn man möchte.

Wie der Titel schon sagt handelt das Buch von Musik und dem Gehirn. Die zentrale Frage ist dabei: Was ist Musik, woher kommt sie, wo im Gehirn sitzt sie und wie wirkt sie sich auf uns aus. Sacks als Märchenonkel schweift aber auch gerne ab, sodass wir einiges über Amnesie erfahren, über geisteskranke Komponisten und über Sacks Wanderunfall, wo er die Kontroll über sein Bein verlor. Welcher Vorfall überigens zum Titel verbunden ist, da es um Phantomgliedmaßen geht und um Pianisten, die trotz Verlust des Armes dennoch in ihrer Vorstellungskraft zweiarmig spielen können!

Das Themenspektrum ist breit und niemals erschlagend. Eine Reihung von Kurzgeschichten unter einem thematischen Komplex.

Wir lernen von musikalischen Halluzinationen und wieso Sacks die Ohrwürmer lieber Gehirnwürmer nennen würde. Von Menschen, die Musik in ihrem Kopf hören, als ob sie wirklich extern da wäre. Von Menschen die bessesen nach Musik werden. Und Menschen, die Angst vor jener haben.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der Musikalität. Dazu zählt Amusie, welches tatsächlich ein „Gehirndefekt“ ist, also gibt es ideale Ausreden für unrhythmisches Tanzen und Musizieren! Amusie ist nicht gleich Amusie, einige können keinen Melodien erkennen, anderen keine Stimmung, andere keine Rhythmen. Ebenso lernen wir von den „Savants“ (man kennt sie meitens als „retardierte“ Menschen, die aus dem Gedächtnis komplexe Bilder malen können), die im musikalischen Bereich die absoluten Überflieger sind. Ebenso ein kurzer Zwischenstopp beim Thema Musik und Blindheit, sowie Musik und Synästhesie. Ebenso wird ein Kapitel dem absoluten Gehör gewidmet, der Fähigkeit, Töne ohne Vergleichstöne direkt zu erkennen.

Weiter geht es mit einem neurologische gerpägten Teil, der sich mit Musik und diversen Krankheiten beschäftigt: Tourette, Parkinson, Aphasie (Verlust der Sprechfähigkeit, ob im Verständnis oder in der Produktion) und auch der Amnesie. Wir lernen Menschen kennen, deren Gedächtnis dermassen zerstört ist, dass sie sich nur an die letzten 2 Sekunden erinnern. Seltsamerweise beeinflusst es nicht ihre musikalischen Fähigkeiten, ein ganzes Stück mag ohne Vergessen gespielt werden. Musik als mentaler roter Pfaden.

Das letzte Kapitel gleitet schließlich hinein in das Thema Musik und Emotion.

Fazit: Sacks Schreibstil ist selbst für Laien doch recht einfach zu verstehen, aber man kommt sich dennoch als Leser ernstgenommen vor. Der anekdotische Stil erlaubt einem Lesepausen, was bei der Thematik durchaus angebracht ist.Und Oliver Sacks ist einfach ein toller Geschichtenerzähler, man spürt seine Begeisterung für das menschliche Gehirn und für die Musik.

Wer sich für Musik interessiert, also mehr über das reine Hören und Produzieren hinaus, wer dem Ursprung etwas näher kommen will, der mag hier sicherlich seinen Spaß finden. Allerdings soll gesagt sein, dass wir es hier fast nur mit klassischer Musik zu tun haben, was wohl vor allem an Sacks eigener Vorliebe liegt.

Auch für Leser, die gerne mehr in das menschliche Gehirn blicken wollen, empfiehlt sich das Buch.