[Buch] Eine Anthropologin auf dem Mars

In sieben spannenden Fallgeschichten führt der Mann mit dem Röntgenblick für die Abgründe der Seele seine Leser in das paradoxe, surreale Universum von Individuen, die durch einen Defekt unter der Schädeldecke einen integralen Aspekt des In-der-Welt-seins verloren haben, das Farbgefühl oder den Bezug zur Gegenwart zum Beispiel.

Leider ist der Klappentext nicht wirklich dem Buch getreu. Es geht nicht primär um Individuen, die einen Aspekt des In-der-Welt-seins verloren haben, sondern die auch einen oder gar viele andere Aspekte gewonnen haben. Im Grunde genommen geht es um eine der Menschheitsfragen schlechthin: Was ist die Realität, Was ist der Mensch und Was ist „normal„? In sieben Fallgeschichten wird unser Verständnis davon auf den Kopf gestellt.

Eine Anthropologin auf dem Mars

Der farbenblinde Maler verliert aufgrund eines Autounfalls sein Farbensehen, ein kleiner Bereich im Gehirn ist ausgefallen. Sacks findet in einer Reihe von Test heraus, dass er jedoch nicht nur die Farben verloren hat, sondern jetzt besser als andere Menschen Wellenlängen sehen kann, dh. ein ausgeprägteres Verständnis von Hell – Dunkel Kontrasten entwickelt.

Der letzte Hippie ist ein Mann, der aufgrund eines unerkannten Gehirntumors sich zu einer Art Buddha entwickelt. Der Gehirnschaden lässt seine Haare ausfallen, ihn dicker werden und sein Gemüt wird vollkommen sanft und irgendwie „erleuchtet“. Seine Schläfenlappen sind zerstört, der Zustand erinnert an Patienten, denen eine Lobotomie „verordnet“ wurde. Der letzte Hippie ist in seiner Zeit stecken geblieben, lebt völlig in seinem Jetzt, ohne Vergangenheit und Zukunft.

Das Leben eines Chirurgen beschreibt eindrucksvoll, wie ein unter Tourette und Tics leidender Mann dennoch Chirurg sein kann. „Bennett, der halb zusammengekrümmt auf dem Fußboden lag und einen Fuß in die Luft stieß, beschrieb einen ungewöhnlichen Fall von Neurofibrose – einen jungen Mann, den er vor kurzem operiert hatte. Seine Kollegen hörten ihm aufmerksam zu. Die Abnormität seines Verhaltens und die Normalität seiner Rede bildeten einen außergewöhnlichen Gegensatz. Die ganze Szene hatte etwas Bizarres; aber offenkundig war dies eine derart gewohnte Situation, daß man ihr nicht mehr die geringste Beachtung schenkte. Ein Außenstehender wäre fassungslos gewesen.“ (S.136) Übrigens kann dieser Chirurg auch trotz Tics wunderbar Autofahren und fliegen. Mit seiner Krankheit geht auch eine extrem schnelle Reaktionszeit einher, die Unfälle vermeidet.

Sehen oder nicht sehen, das ist die Frage für den nächsten Fall. Ein in der Kindheit erblinderter älterer Mann kann dank einer Operation wieder sehen. Allerdings kann er mit den visuellen Eindrücken wenig anfangen, sieht erst richtig, wenn er alles ertastet hat. Was also heißt es wirklich, etwas „zu sehen“?

Die Landschaft seiner Träume handelt von einem Mann, der obzessiv sein Heimatdorf ständig idealisiert malen muss. Auch in Wunderkinder wird das Malen zum Thema gemacht, allerdings geht es hier um einen Jungen, der ein exzellentes fotografisches Gedächtnis hat, welches er zum Malen benutzt.

Schließlich handelt der letzte Fall von einer Anthropologin auf dem Mars, Temple Grandin, von der ich schon hier berichtet hatte. Eine Autistin, die menschliche Gefühle nicht verstehen kann, sich aber dennoch mittlerweile gut mit ihrem Leben unter Menschen (die für sie wie eine andere Spezies wirken) arrangiert hat. Interessant sind auch die kurzen Einschübe über eine komplett autistische Familie.

„Rinder und Schweine verstehe ich sehr gut. Bei Hühnern klappt es nicht so.“ aus einem Interview mit der SZ.

Liest man sich diese Fallstudien durch, so erfährt man ein komplett anderes Weltverständnis, welches aber nicht schlechter ist als unseres. Winzige neurologische Ausfälle können einen Menschen derart verändern, dass er von seinen Mitmenschen als „unnormal“ bezeichnet wird. Jedoch bringen diese Ausfälle nicht nur negatives mit sich, sondern verhelfen oft zu Inselbegabungen (in der Kunst, Mathematik oder Mnemotechnik) oder fokussieren die Person auf eine andere Weltsicht. Dies reicht sogar so weit, dass sie ihre Krankheit nicht als Krankheit sehen, sondern als unerwartete Gabe.

1990 schrieb Temple Grandin in einem Aufsatz:

Sich ihres Autismus bewußte Erwachsene und ihre Eltern sind oft zornig auf den Autismus. Sie fragen vielleicht, warum die Natur oder Gott so schreckliche Störungen wie Autismus, manische Depression oder Schizophrenie geschaffen hat. Doch eine Eliminierung der GEne, die solche Störungen hervorbringen, könnte entsetzliche Folgen haben. Möglicherweise sind Menschen mit nur einigen solcher Merkmale kreativer, ja, vielleicht sogar genial…Würde die Wissenschaft diese Gene beseitigen, regierten vielleicht bald Buchhalter die Welt.

Oliver Sacks schafft es auch hier, die Fallgeschichten auch für Laien spannend und unterhaltsam zu erzählen. Dadurch, dass das Buch in 7 Fallgeschichten unterteilt ist, wird man nicht allzu sehr mit neuen Eindrücken und Informationen erschlagen. Ich habe hier bereits eine Rezension über „Der Einarmige Pianist“ geschrieben und werde wohl nach einer kleinen Verdauungspause bald mit dem nächsten Buch von Sacks anfangen.

 

 

Wer sich weniger für Bücher interessiert, kann ja mal in den Film „Das große Erwachen“ reinschauen, der Film ist am gleichnamigen Buch orientiert.

Zeit des Erwachens