[Buch] Der Junge Titus (Gormenghast 1)

„Gormenghast“, sagte er, und seine Stimme klang, wie wenn Felsbrocken durch ein fernes Tal rollen.

Zunächst vorweg gesagt: diese Neuauflage des 1946 erschienen Buches beinhaltet ein sehr interessantes Vorwort von Kai Meyer, der ein bisschen über Mervyn Peake und Gormenghast erzählt:

„Ich selbst habe in meinen Romanen wieder und wieder mit dem Mörtel der Groans gemauert; ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich meine Heldinnen und Helden über weitläufige Dächer und enge Treppenfluchten, durch endlose Hallen und verwinkelte Steinkorridore gejagt habe.“

Ich kenne nur die Arkadien-Bücher von Meyer, allerdings merkt man schon, dass Meyer bei der Villa Alcantara wohl an Gormenghast gedacht hat. Also durchaus interessant für eingefleischte Fans des Autors.

Allerdings bitte erst Rezensionen lesen oder das Buch anlesen, denn es ist wirklich ganz anders als Meyers Bücher oder andere moderne Fantasy!

Die Handlung ist recht schnell erzählt, ein neuer Erbe des Geschlechts der Groan ist geboren und auf bizarre Weise scheint sich mit ihm das altehrwürdige Schloss langsam zu verändern. „Schloss“ bezeichnet hier nicht allein das Gebäude, sondern ist ein lebender, jedoch scheinbar im letzten Atemzug liegender, Organismus. Steinen, Pflanzen, Vögeln, Katzen, Grafen, Diener, Köche und Krüppelwäldern formen Gormenghast. Eine Einheit, deren Traditionen schon so alt sind, dass sich niemand erinnert, wieso eigentlich der Zeremonienmeister beim ersten Geburtstag des Erbens über den Frühstückstisch laufen muss. Aber es wird getan, weil es getan wird und eben so sein muss. Tradition.

Der Erzählstil dürfte für den durchschnittlichen Fantasyleser sehr gewöhnungsbedürftig sein. Zunächst einmal schildert ein allwissender Erzähler die Geschichte, es erinnert etwas an eine groteske Theatervorstellung, nur dass hier der Leser auch in die Gedanken aller Charaktere Einblick erhält. Die Erzählperspektive schwenkt auch innerhalb der Kapitel öfters von einem Charakter zum anderen, das mag manchmal verwirrend sein.

Ich werfe mal einige Literaturnamen in den Raum: Alice im Wunderland, Edgar Allan Poe, Charles Dickens, E.T.A. Hofmann, Robert Louis Stevenson. Wer sich daran erfreut, der ist mit Gormenghast goldrichtig. Ebenso denkt man natürlich obligatorisch an Peakes Zeitgenossen J.R.R. Tolkien, allerdings sehe ich da nicht allzu große Parallelen, Herr der Ringe hat doch einiges mehr an Fahrt. Richtig gelesen, wer schon Herr der Ringe, besonders den Anfang, langweilig fand, der wird Gormenghast nach 50 Seiten verschmähen.

Die Handlung steht nämlich im Vordergrund, sondern das Erleben, die Reise, der Traumwandel durch Gormenghast und das Kennenlernen seiner Bewohner. Hier treffen wir auf den glupschäugigen Arzt, dort auf den klapprigen Diener Flay und an anderer Ecke auf die dicke Gräfin, welche ein Zimmer voller weißer Katzen hat. Der junge aufstrebende Steerpike tritt deutlich hervor – als einziger, der Veränderung bewusst herbeiführen will und deshalb seine Intrigen spinnt. Jugend gegen alte Traditionen.

„Manchmal mag ich es, wenn Sie respektlos sind“, sagte Fuchsia in einer plötzlichen Aufwallung. „Warum muss man sich Mühe geben und alten Leuten gegenüber respektvoll sein, wenn sie nicht vernünftigt sind?“

„Sie wollen, dass diese Sache mit der Ehrfurcht weitergeht“, erwiderte Steerpike, „Wo wären sie ohne uns? Versunken, Vergessen. An die Seite geschoben: Den sie haben nichts außer ihrem Alter, und auf unsere Jugend sind sie eifersüchtig.“

Fazit: Ich bin sehr begeistert von Gormenghast und bedanke mich herzlich bei Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar.

 

 

Wer groteske Geschichten, eine düstere Stimmung und das unterschwellige Gefühl der Veränderung erleben will, der ist mit Gormenghast genau richtig bedient! Wunderbares, phantastisches Werk, welches trotz des Alters viel Erfrischendes bietet.

Ich freue mich sehr auf den zweiten Band, da dieser noch ein Vorwort von meinem Lieblingsautor Tad Williams beinhaltet, weswegen ich erst auf die Bücher aufmerksam geworden bin.

(Anmerkung: Peake verfasste nur 3 Bücher dieser Reihe und beendete sie nie. Aufgrund des Erzählstils lohnt es sich meiner Meinung nach trotz des fehlenden Endes die Reihe zu lesen – ich werde es mit Freude tun)