[Buch] Hallucinations

Autor: Oliver Sacks

: November 2012, USA

Kindle: 336 Seiten

Preis: 8,77 für die Kindle-Ausgabe

Stichwörter: Neurologie, Halluzinatione

Oliver Sacks stellt auch in seinem neusten Buch „Hallucinations“ verschiedene Fallbeispiele, hier zum Thema Halluzinationen, vor. Überraschenderweise bespricht er vor allem Halluzinationen, die unabhängig von psychischen Erkrankungen auftreten können (wobei natürlich beim Thema Gehirn-Erkrankungen der Unterschied zwischen psychisch und physisch etwas verwischt). Der Laie wird wohl vor allem Schizophrenie mit Halluzinationen in Zusammenhang bringen, tatsächlich aber zeigt Oliver Sacks, dass Halluzinieren eine „normale“ Funktion des Gehirns ist.

Das erste Kapitel widmet Sacks dem Charles-Bonnet Syndrom. Dies trittt bei erblindeten, oder auch gerade erblindenden, Menschen auf, die aufgrund des fehlenden visuellen Inputs Halluzinationen entwickeln. Interessanterweise haben diese in den meisten Fällen keinen persönlichen Bezug, sondern können als ein „Unterhaltungsprogramm“ des Gehirns eingestuft werden. Es war sogar möglich in Experimenten nachzuweisen, dass schon 2 Tage Blindheit (durch Aufenthalt in einer lichtlosen Umgebung) Halluzinationen hervorrufen kann. Doch nicht nur Dunkelheit, auch „langweilige“ Landschaften können das Gehrin dazu bringen, selbst etwas visuelles beizusteuern…also sind Fata Morganas oder die Sichtung von Seemonstern wohl tatsächliche „Sichtungen“, wenn auch sie auf keinem realen Input beruhen.

Doch nicht nur der Sehsinn kann vom Gehirn quasi simuliert werden, es können genauso Gerüche, Berührungen, Körpergefühle (Stichwort: Phantomgliedmaßen) oder Geräusche halluziniert werden. Was natürlich die Frage aufwirft, was denn wirklich real ist…

Bezüglich der Geräusche fand ich es am interessantesten, dass manche Forscher wohl die „Erfindung vom Göttlichen“ darauf zurückführen, dass Menschen anfangs ihre „innere Stimme“ nicht mit sich selbst in Verbindung gebracht haben und auch heute in Notsituationen eine innere Stimme spricht, die viele Wissenschaftler als nicht identisch mit der eigenen inneren Stimme einordnen. Ob diese Stimme dann einem Gott zugeordnet wird oder einfach einer inneren Kraft, ist dem Individuum überlassen.

Ähnliches gilt wohl generell für die Entstehung zahlreicher mystischer und übernatürlicher Wesen. Wenn man sich erstmal einige Fallbeispiele durchgelesen hat, wird es immer klarer, wieso Menschen früher Geister („Präsenzen spüren“ kann man ganz leicht durch elektrische Stimulation des Gehirns verursachen), Kobolde (Halluzinationen kleiner Wesen sind wohl recht gängig!) oder Teufel gesehen haben. Besonders interessant fand ich in dem Zusammenhang Sacks Beschreibung von night-mares. Diese werden wissenschaftlich abgegrenzt von bloßen schlechten Träumen (nightmares), da die night-mares nicht nur schlechte Emotionen hervorrufen, sondern sogar ein Gefühl des Erstickens/Erdrückt simulieren, was man früher darauf zurückführte, dass ein mare (ein Nachtalb/Mahr) auf dem Körper sitzt…wobei heute denke ich die Aliens die Oberhand gewinnen, wenn es um solche Alb-Traum Erfahrungen geht.

Spannend spannend! Oliver Sacks präsentiert hier wie gewohnt einen Querschnitt durch ein Hauptthema, nach dessen Lektüre man einen kleinen mind-fuck erlebt und eigentlich noch viel mehr dazu lesen will.

Für alle empfehlenswert, die mehr über das menschliche Gehirn wissen wollen und sich für den Unterschied (falls es den gibt 😉 ) zwischen Realität und Wahrnehmung interessieren. Hach, und ein bisschen inspirierend, wenn man auf psychologischen Horror steht…denn das „von uns unabhängige Gehirn“ ist da noch immer der beste Regiesseur.
Und keine Angst vor zu vielen Fachbegriffen, dass Buch (sowie Oliver Sacks andere Bücher, zb. Der einarmige Pianist) ist auch für den Laien lesbar.