[Buch] Quiet

Autor: Susan Cain (*1968)

: 2012, USA

Deutscher Titel: Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

Preis: 6,32€ (Kindle)

Seitenzahl: 354

Stichwörter: Psychologie, Soziologie, Persönlichkeit

Inhalt: Auf Susan Cain bin ich durch diesen Ted Talk gekommen, im Grunde genommen ist das Buch die ausführlichere Version davon. Man merkt, dass Cain viel Herzblut in das Buch gesteckt hat, es strotz vor Details und Recherche. Sie selbst beschreibt sich als introvertierter Mensch, nichtsdestotrotz hat sie in Harvard studiert und an der Wall Street als Rechtsanwältin, später als „negotiations consultant“, gearbeitet. Also eigentlich zwei Berufsfelder, die man dem klassischen Introvertierten nicht zutrauen würde, weil sie viel Härte und Redegewandheit erfordern. Cain versucht jedoch, mit diesen Vorurteilen gegenüber Introvertierten aufzuräumen und plädiert dafür, warum sie eben auch wichtig sind, vor allem in den in Gesellschaften, die von Extrovertierten dominiert werden.

Aufbau: Susan Cain legt je nach Kapitel andere Schwerpunkte. Mal gibt es historische Fakten zu wahrscheinlich introvertierten bekannten Persönlichkeiten (bspw. Rosa Parks und Ghandi), die „trotzdem“ einiges erreicht haben. Dann liefert Cain aber auch Anekdoten aus ihren Recherchen, erzählt beispielsweise von einem Professor, der sehr energetisch und extrovertiert wirkt, sich aber zwischenzeitlich auf der Toilette versteckt um Ruhe zu tanken. Puhh, muss ich mich nicht ganz so doof fühlen, wenn ich mich auf der Toilette verstecke, scheint oft vorzukommen bei Introvertierten.
Andere Geschichten handeln von introvertierten Kindern, die es in (westlichen) Schulen sehr schwer haben. Ebenso geht Cain darauf ein, dass es auch introvertierte Gesellschaften gibt, die bekannteste wohl die ost-asiatische um Japan, Korea und China herum. Dabei befragte Cain auch asiatisch-stämmige Studenten, die in den USA aufwachsen und daher einen ziemlich krassen Unterschied zwischen Elternhaus und „Außenwelt“ erleben; sehr spannend! Übrigens habe ich mir auch oft gedacht, dass ich in einem anderen Land besser untergekommen wäre. Deutschland ist zwar (noch) nicht so extrovertiert wie die USA, aber „reserviert“ und „kühl“ wirkende Völker wie die Skandinavier oder Japaner haben es mir doch sehr angetan. Allein, dass man in Japan Geschenke nicht vor dem Schenker öffnet, ein Traum! (Wenn man sich über ein Geschenk freut, aber schauspielern muss, dass man sich freut, weil die normale Ausdrucksweise nicht so zeigt, dass man sich freut…ja, dann wird Geschenke bekommen stressig, obwohl’s doch schön ist eigentlich). Weitere Kapitel widmen sich der Arbeitswelt, und wie sie von einem Ausgleich zwischen Extro und Intro profitieren könnte.
Das spannendste für mich war natürlich das Kapitel zum Thema Neurologie. Introvertierte sind im Durchschnitt deutlich sensibler als extrovertierte, in dem Sinne, dass sie viel mehr Daten aus der Außenwelt aufnehmen. Außerdem scheinen wohl viele ein ausgeprägtes Schuldbewusstsein und ein großes Maß an Empathie zu haben, was dazu führt, dass sie sich deutlich intensiver „in andere hineinversetzen“ können. Allerdings werden eigene Emotionen eher nach innen als nach außen gerichtet. Sehr spannend.
Was mir fehlte waren genaue Studien zum taktilen Sinn. Autisten, wenn wir sie mal als „Extremform“ der Introvertierten betrachten, verabscheuen es angefasst zu werden. Was wohl daran liegt, dass es einfach zuviel, zu intensiv für sie ist. (Die Autistin Temple Grandin hat eine „hug maschine“ gebaut, um trotzdem das Gefühl des Gehalten-werdens spüren zu können, ohne durch zuviel Nähe überfordert zu werden).
Sind dann auch Extrovertierte mehr „touchy“ als Introvertierte? Darauf würde ich meiner Erfahrung nach tippen. Wobei ich nicht sagen würde, dass Introvertierte keine Körperlichkeit haben wollen, aber diese eben nicht durch den ganzen Bekanntenkreis verteilen durch ständige Umarmungen oder sonstwas. Ich glaube nämlich, dass diese unterschiedliche Körperwahrnehmung auch ein großer Knackpunkt zwischen Extrovertierten und Introvertierten ist. Ich mein, ich kann schon glücksselig sein, wenn ich nur neben einer netten Person (nettem Herrn *hust*) sitze, ohne Berührung, weil ich den anderen Körper irgendwie wahrnehme. Kann aber auch daran liegen, dass meine Körpertemperatur niedriger als normal ist und andere Menschen für mich oft wie Wärmestrahler sind. Nein, ich bin kein Vampir *hust*
Und auf den Riechsinn wurde auch nicht eingegangen, würde mich auch interessieren, ob hier die höhere Sensibilisierung greift. Vielleicht hätte ich dann eine Ausrede dafür, warum ich kaum Soßen mag und vieles „trocken“ esse. „Hey, mein Hirn will es so!“

Fazit: Ein wirklich informationsreiches Buch, welches anders als der Titel vielleicht vermuten lässt, kein Ratgeber ist, sondern die Thematik der Introversion versucht sehr tiefgründig zu untersuchen. Es wird sehr viel angesprochen, sehr viel erzählt, man kann nur erstaunt sein, wieviel und wie intensiv Cain recherchiert hat.
Einziger Kritikpunkt: einige Passagen/Kapitel sind doch sehr stark auf die USA ausgerichtet. Aber da die USA quasi als Musterbeispiel einer extrovertierten Gesellschaft dient, kann Cains Buch aufzeigen, wieso man nicht unbedingt zu 100% dem nacheifern sollte, sondern auch anderen Platz lässt. Ich meine, Japan und Korea als Musterbeispiel einer introvertierten Gesellschaft packen sind ja auch nicht zu verachten. Aber ganz ehrlich: ich bezweifle, dass extrovertierte Leute sich großartig für dieses Buch interessieren würden, und dass Quiet eher ein „du bist nicht so scheiße, wie du vermutest“-Aufklärungsbuch für Introvertierte ist. Aber ist ja zumindest ein Anfang 😉

4.5stars