High Fantasy – Low Fantasy

Letztens hatte ich in etwa folgendes Gespräch: „Game of Thrones als low fantasy“ „Low Fantasy? Wieso?“ „Weil das wenig Fantasyelemente hat“.

Ich war doch sehr erstaunt, da ich den Begriff „low fantasy“ nie anhand dessen definieren würde, dass wenig Fantasyelemente vorhanden sind. Wenn ich A Song of Ice and Fire als Fantasy definieren würde, dann definitiv als High Fantasy. Ich habe das bewusst so formuliert, da diese Reihe nach meinem derzeitigen Kenntnisstand (1. Buch + vollständige Serie) für mich nicht zum Fantasy-Genre gehört, sondern eher eine Art fiktive Historienreihe mit ein paar Fantasyelementen ist. Für mich ist vor allem die Buchreihe näher dran an sowas wie Die Säulen der Erde oder den Gabblé-Büchern (angelesen und aufgegeben), als am Herrn der Ringe. Trotzdem, wenn ich mich entscheiden müsste, wäre A Song of Ice and Fire für mich eindeutig High Fantasy.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsfrage:

Was ist der Unterschied zwischen High Fantasy und Low Fantasy?

Ich halte mich erst gar nicht mit Wikipedia-Artikeln auf, sondern möchte hier eine persönliche Defnition ausarbeiten. Einfach weil ich es spannend finde, darüber nachzudenken 😉

Leicht zu beantworten ist definitiv die Frage, was High Fantasy ist: das, was ich gerne lese. Das hab ich mir nicht ausgedacht, sondern so irgendwann mitbekommen, dass meine liebsten Bücher als „High Fantasy“ bezeichnet werden. Berühmteste Beispiele wären Tolkiens Werke, Memory, Sorrow and Thorn von Tad Williams, The Riftwar Cycle von Raymond R. Feist, die Farseer Reihe von Robin Hobb und neuere Sachen von Pat Rothfuss, Brandon Sanderson, Peter V. Brett, etc. Was eint diese ganzen Bücher, sodass es High Fantasy ist? Früher hätte ich es an Punkten wie dem Pseudo-Mittelalter-Setting und den immergleichen phantastischen Gestalten – Elfen/Elben, Zwerge, Drachen, Magier – fest gemacht. Heute, einige Jahre älter und mit einem Literatur-/Anglistikstudium auf dem Buckel, sehe ich es anders. Nicht, dass mich ein Literaturstudium klüger macht, aber es hat definitiv meine Sicht auf Literatur verändert.

High Fantasy

High Fantasy ist für mich in ihrer Essenz eine Mythologie. Gilgamesh. Edda. Beowulf. Kalevala. Letzteres ist eher unbekannt, es sei denn, man ist so ein oller Tolkien-Fan wie ich und weiß, dass der Herr diese finnische Mythologie(-sammlung) ziemlich mochte. In Anlehnung an solche Mythologien wollte Tolkien ein englisches Nationalepos erschaffen. Die bekannte Artus-Sage kann man nicht als englisch bezeichnen aufgrund der französisch-keltischen Wurzeln…und alles was an bekannten Mythosgeschichten in UK umher geht, ist nunmal kelitschen Ursprungs. Natürlich hat Tolkien damit nicht das Fantasygenre komplett neu erfunden, sondern es auf bekannter Mythologie mit Elementen der Literaturgattung der Romantik wiederbelebt aufgebaut.

Aber nun weg von der Geschichte der High Fantasy, die ich hier laienhaft rekonstruiert habe (ohne Gewähr). Für mich muss High Fantasy etwas mythologisches haben. Das mache ich nicht unbedingt an dem Auftauchen von typischen Fantasywesen wie Drachen und Elfen/Alben/Elben fest. Oder an dem Vorhandensein von Magie. Diese Sachen gehören für mich schlichtweg zum Genre der Fantasy, egal ob high oder low. Der Erzählstil macht für mich die High Fantasy aus. Denn nur dort gibt es die eine versteckte Protagonistin: die Welt. Nennen wir sie Westeros, Midkemia, Numénor, Middle-Earth, Osten Ard, The Six Dutchies etc. Wie die Beispiele zeigen, mit „Welt“ ist nicht unbedingt ein Planet gemeint, sehr viel High Fantasy spielt sich auf einem einzelnen Kontinent ab. Nimmt man den Midkemia-Zyklus, so hat man sogar verschiedene Planeten. Oder im Fall von Tolkien ist tatsächlich ein ganzer Planet, samt geographischer Veränderungen, beschrieben, die einzelnen Geschichten aber auf bestimmte Gebiete konzentriert. Natürlich hat High Fantasy auch seine Hauptcharaktere, oft Personen aus verschiedenen Teilen der bekannten Welt. Muss aber nicht sein, Robin Hobbs Farseer Reihe konzentriert sich, was auch durch die Ich-Perspektive forciert ist, auf eine einzelne Figur. Trotzdem geht es nicht nur um ein Einzelschicksal, sondern um ein ganzes Königreich, um einen ganzen Landstrich oder manchmal um die ganze bekannte Welt. Bei der Frage, ob diese Welt denn unsere Welt sein darf, bin ich mir unsicher. Tendenziell würde ich sagen: „nein“. Wenn ich aber daran denke, dass Mittelerde im Prinzip so konzipiert  war, dass es eine (mythologische) Vorstufe unserer Welt darstellt, muss daraus wohl ein „jein“ werden. Vielleicht ist es auch eine Geschmacksfrage, dass High Fantasy selten in unserer Welt spielt, obwohl es ja alle Mythologien tun. Vielleicht wurde unsere Welt zu klein und zu definiert, um weiterhin glaubhaft dort Mythologien anzusiedeln. 

Die Geschichte einer High Fantasy-Erzählung muss „groß“ sein. „Episch“, wie man es umgangsprachlich nennen würde. Deswegen ist es auch so schwer, High Fantasy in Einzelbänden zu produzieren, auch wenn ich es mit Sandersons Elantris und Williams The War of the Flowers recht gelungen finde. Ich denke, man kann sich vorzustellen, was High Fantasy für mich sein soll. Die Erzählform und die erzählte Welt ist hier entscheidend. Ist die Welt nur schmückendes Beiwerk für eine Geschichte, egal wieviel Magie oder wieviele Fantasywesen auftauchen, dann ist es für mich keine High Fantasy mehr.

Low Fantasy

Ja, was ist denn dann diese Low Fantasy? Meiner Meinung nach begnet man hier eher  kurzweiligen Abenteuer mit einem starken Fokus auf einen Charakter/eine Gruppe von Charakteren. Wobei das „kurzweilig“ sehr relativ ist, Harry Potter spielt ja über mehrere Jahre und hat, meines wenigen Wissens nach, auch epische Ausmaße. In Low Fantasy ist die Welt für gewöhnlich nicht so komplex und ausführlich beschrieben wie in High Fantasy. Auch ist sie für mich hier keine versteckte Protagonistin, sondern einfach da, ein schmückendes Beiwerk. Ich habe außerdem das Gefühl, dass sehr viel Low Fantasy im Bereich der Jugendbuchliteratur produziert wird. Oder andersherum: vielleicht ist Low Fantasy für jüngere Leser ansprechender, weil es sich nicht „wie die Bibel liest“ (Stichwort: The Silmarillion). Low Fantasy ist weniger komplex, hat einen schnelleren Zugang und ist wahrscheinlich auch „leichter“. Das ist völlig wertneutral gemeint, ich möchte auch nicht täglich mit Brandon Sandersons 1000-Seitern erschlagen werden. Er selbst schreibt ja zwischendurch „zur Entspannung“ auch kürzere, leichtere Romane.

Problematisch wird es aber mit der Begriffsdefinition in heutigen Zeiten, da es mittlerweile zahlreiche Subgenres der Fantasy gibt, wie contemporary fantasy, urban fantasy, dark fantasy, science fantasy, young-adult fiction etc. Sword & Sorcery würde ich als das „Urgenre“ der Low Fantasy beschreiben. Mir fällt aber so gut gar kein aktuelles Buch aus diesem Bereich ein, höchstens A Throne of the Crescent Moon (oder ist das „arabic fantasy“?) oder eventuell noch Prince of Thorns (oder ist das „dark fantasy“?). Und was wäre so etwas wie die The Lotus War Reihe, die eine japanische Steampunk-Fantasy-Welt hat? Man sieht, eine eindeutige Einordnung ist schwer geworden 😉

Ich kann nach diesen Ausführungen nur zu dem Schluss kommen, dass die Opposition High Fantasy – Low Fantasy obsolet (geworden) ist.

Jeder Fantasy-Leser wird in etwa sagen können, was High Fantasy ist. Die bekanntesten Vertreter sind wohl Brandon Sanderson, Patrick Rothfuss, Peter V. Brett, Brent Weeks und George R.R. Martin. Alles was nicht High Fantasy ist, kann heute nicht mehr unter dem Begriff Low Fantasy zusammengefasst werden. Dafür gibt es zu viele Subgenres, die gleichwertig neben der High Fantasy als weiteres Subgenre stehen sollten. Alle sind dann zusammengefasst unter dem Begriff „Fantasy“. Für eine Opposition High-Low ist die Buchlandschaft viel zu komplex und vielfältig geworden, ob es nun den Magie-Faktor, die Anzahl an fremden Wesen, die Welt, den Grad der Realität oder die Erzählung an sich betrifft.

Aber, meiner Meinung nach gibt sie doch noch, die Low Fantasy als eigenes Subgenre. Und hier ist low ganz klar eine Wertung: Die Zwerge, Die Elfen, Die Orks, usw. Ich habe nur das vielfach gelobte Die Zwerge gelesen und mir dabei fassungslos die Haare gerauft. Billig, vorhersehbar, absolut generisch. Wenn es also noch Low Fantasy gibt, dann sind es für mich die oben erwähnten Bücher und ähnliche, die alle im Endeffekt ein Reader’s Digest von High Fantasy sind. Sie sind auf schnellen Konsum ausgelegt und haben keinen Anspruch auf eine gute geschriebene, innovative Erzählung. Natürlich darf jeder lesen was er mag und woran er Spaß hat, nur bleibt es für mich dabei, dass diese Art von Low Fantasy qualitativ der High Fantasy und vielen Vertretern anderer Subgenres unterlegen ist.

Jedenfalls kann ich für mich als Fazit ziehen, dass ich weiterhin meiner geliebten High Fantasy treu bleibe, mich aber auch über die Vielfältigkeit der anderen Subgenres freue. Diese möchte ich nicht alle in einen Topf werfen und in Opposition zur High Fantasy stellen, sondern gleichwertig neben der High Fantasy als verschiedene Subgenre der Fantasy sehen.

2 Gedanken zu „High Fantasy – Low Fantasy“

  1. Fantasy allgemein ist für mich alles, sobald irgendwas übernatürliches auftaucht. Wobei es da natürlich auch Abgrenzungsproblematiken gibt. Aber im Ende ist es ja auch irgendwie unsinnig alles unbedingt in eine Kategorie zwingen zu wollen.

    Für mich ist der Unterschied zwischen High und Low Fantasy recht ähnlich zu deinem. High Fantasy ist komplexer, hat einen reicheren Hintergrund, ist ausgearbeiteter und durchdachter, mehr world-building. Und eben ein Epos, groß, bedeutsam, Stoff für Legenden.

    Und Low Fantasy dann eben alles andere xD Ich würde Harry Potter auch als Low Fantasy bezeichnen, auch wenn ich da erst etwas mit mir diskutieren musste. Es ist schon episch, aber für mich nicht wirklich world-building und so detailliert durchdacht. Gut, ich hab mich nie wirklich so intensiv damit beschäftigt, aber ich fand diese strikte Trennung zwischen Muggel und Wizard-Zeug in den Büchern immer völlig unlogisch. Warum nutzen die beispielsweise immer noch Eulen (oder Schreibfedern) anstatt Email (und Kulis)? Es wäre doch so viel sinnvoller meiner Meinung nach. Und da gab es nie ne Erklärung dafür.
    Und ja, es ist enfacher zu lesen und zugänglicher, was wohl auch die Schwemme von young adult fantasy in dem Bereich erklärt. Oh und einfachere Helden hier, gut und böse ist ganz klar getrennt im Gegensatz zu High Fantasy, wo es oft mehr moralische Schattierungen gibt. Und ie Guten gewinnen in der Low Fantasy öfter xD

    Urban-Fantasy, erotic fantasy, science fantasy und die restlichen Unterteilungen sind für mich nochmal was ganz anderes. Ein Buch kann dark Fantasy und High Fantasy sein oder eben auch Dark Fantasy&Low Fantasy (nicht, dass mir jetzt Beispiele einfallen würde, aber so theoretisch xD). Das eine engt für mich ein, was ich von dem Inhalt erwarten kann (bei Urban Fantasy beispielsweise keine Handlung in nem mittelalterlichen Schloss oder so), das andere sagt mir was darüber, wie das Buch konzipiert ist (eben High oder Low Fantasy).
    Das ist für mich so ähnlich wie bei den Historischen Romanen, die lassen sich inhaltlich auch in Dutzende Unterkategorien (inklusive historical fantasy, was meine persönliche ‚Schublade‘ für ASoIaF ist) unterteilen und dann nochmal in qualitativ gute (z. B. die von Gemell), wo die behandelte Epoche selbst praktisch eine Figur in dem Roman wird, und schlechte (*hust*Wanderhure*/hust*), wo das historische nur als Kulisse dient, aber eigentlich egal ist.
    Wobei das auch wieder meine ganz eigene persönliche Einteilung ist.

    (Und jetzt werd ich den Rest der Woche mit mir debattieren, ob die Discworld-Romane Low oder High Fantasy sind…. xD)

    1. Ja, die Kategorienbildung ist heute weitesgehend unsinnig/kompliziert geworden, siehe auch im Fernsehen mit Sachen wie „Dramedy“.

      Bei Harry Potter habe ich auch lange überlegt, ob es für mich High Fantasy ist. Aber da die ganze Geschichte weitesgehend sich auf eine Schule zentriert, aber da fehlt mir das „mythologische“ und eben vieles andere ist anders. Schwer xD

      „Historical Fantasy“ für GoT klingt gut.

      Die Opposition Konzept (Low/High Fantasy)-Handlung(Dark, Erotic, Urban) passt auch. Darüber habe ich auch sehr lange nachgedacht, nur fallen mir keine High Fantasy Bücher ein, die zb. urban oder contemporary sind. Vielleicht verbinde ich mit High Fantasy zu sehr den mythologischen Aspekt, wo eben „Prä-Moderne“ besser zu passt. Ich habe beim Überlegen für mich festgestellt, dass noch vieles offen ist was High Fantasy angeht, raus aus bekannten Mustern…entweder kenne ich da noch zu wenig andersartige High-Fantasy, oder sie muss noch geschrieben werden 😀

      Ich bin da gespannt auf Sandersons Mistborn Reihe, die nächste Trilogie soll in der Moderne spielen…ich denke er könnte da ein Beispiel für High-Fantasy + urban/contemporary schaffen.

      @Discworld: habs nicht gelesen, so ohne Kenntnisse ist es für mich Low-Fantasy, in Richtung Satire/Humor, weil das mMn im Fokus steht, auch wenn die Welt sehr komplex ist. Aber sie soll glaube ich keine eigenständige Welt sein wie Westeros, sondern eben eine Satire auf unsere Welt…der Zweck ist anders als bei High Fantasy? Hmm. Ähnlich wie bei Harry Potter würde ich ja schon fast sagen, dass diese Reihen eigene Kategorien sind xD

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