[High Five] Tad Williams

In dieser Reihe werde ich meine liebsten High Fantasy-Autoren vorstellen. Am Ende des Posts befindet sich für alle Lesefaulen ein Kurz und Knackig mit 5 Stichworten sowie den Links zur englischen bzw. deutschen Ausgabe des ersten Bandes.

Nachdem ich erst Robin Hobb, dann Raymond E. Feist und Brandon Sanderson vorgestellt habe, ist nun der wohl facettenreichste meiner Lieblingsautoren dran: Tad Williams.

Tad Williams High Five

highfive

Tad Williams ist 1957 geboren, arbeitete beim Theater und Radio und zuletzt bei Apple, was ihn teilweise zu einer seiner berühmtesten Reihe, Otherland, inspirierte. Zusammen mit seiner Frau Deborah Beale schreibt er eine Jugendbuchreihe. Sein erstes geschriebenes und zugleich veröffentlichtes Buch hat Katzen als Protagonisten – was nicht verwundert, denn Tad Williams lebt nicht nur mit Frau und Kindern, sondern auch mit zahlreichen Tieren unter einem Dach. Wer Tad Williams bei Facebook etwas hinterherschnüffelt, findet schnell heraus, dass er auf makabre Bilder und insbesondere Horror-Clowns steht.

Was hat er geschrieben?

1. Sein erstes Buch Tailchaser’s Song (Traumjäger und Goldpfote) veröffentlichte Tad Williams 1985. Die Geschichte ist aus der Sicht von Katzen geschrieben, die ihre eigene Sprache und Mythologie haben. Genau, das sind auch die Stichworte, die bereits zeigen, dass Williams sich hier J.R.R.Tolkien zum Vorbild nimmt. Kurz zum Inhalt: Nachdem einige Katzen verschwinden, macht sich der junge Kater Tailchaser auf die Suche nach ihnen. Zusammen mit kuriosen Gefährten möchte er den königlichen Hof von Harhar aufsuchen und dort Antworten finden.
Das klingt nach der typischen tolkien’schen Quest, jedoch sollte der Leser gewarnt sein, dass Williams spätestens zum Schluss seinen eigenen Stil reinbringt. Und eine Sache, die er gut kann, ist das detaillierte Beschreiben von brutalen grausamen Wesen.

2. Eins seiner bekanntesten und größten Werke (zumindest unter den englischsprachigen High Fantasy-Kennern) ist Williams‘ dreiteilige Reihe Memory, Sorrow, and Thorn (1988, 1990 und 1993), auf deutsch „Das Geheimnis der großen Schwerter“. Die Bücher sind ein paar Jahre nach dem Riftwar Cycle von Raymond Feist erschienen und zwei Jahre vor dem ersten Roman von Robert Jordans Reihe Wheel of Time. Auch einige Jahre vor George R.R.Martins A Song of Ice and Fire, der sich übrigens diese Reihe als Inspiration nahm und mit dem House Willum, bestehend aus Lord Willium und seinen Söhnen Josua and Elyas, Williams ein literarisches Denkmal setzte (Josua und Elyas sind Protagonisten in Memory, Sorrow, and Thorn). Es lässt sich also durchaus sagen, dass Tad Williams zu den Gründungsvätern der „Post-Tolkien-Fantasy“ gehört.
Wer Memory, Sorrow, and Thorn liest, wird sich auch schnell an Tolkien erinnert fühlen. Die unsterblichen Sithi, die kleinen Bergbewohner Qanuc, andere Rassen, und zahlreiche Menschenvölker, die sich unter anderem den Kelten, Römern, Mongolen und Angelsachsen zuordnen lassen. Der moderne Leser sollte sich aber nicht von diesem zusammgewürfeltem generischen Setting abschrecken lassen. Natürlich muss man im Hinterkopf haben, dass Fantasy damals erst widerbelebt werden musste und uns heute viele Dinge alt und albern vorkommen. Aber sieht man mal von dem Setting ab, hat Memory, Sorrow, and Thorn selbst für heute eine atemberaubend tolle Geschichte um die Welt Osten Ard, seine Völker und drei mächtige Schwerter. Einziger Haken: man muss sich durch die ersten 100 Seiten etwas quälen. Und danach wird man gequält, weil man die Reihe bis zum Ende nicht mehr loslassen will. Memory, Sorrow, and Thorn ist eine der epischsten Reihen, die ich je gelesen habe. Und Zugleich war die Reihe mein Einstieg in die moderne Fantasyliteratur (vorher habe ich aus dem Bereich nur Märchen und Sagen gelesen). Natürlich war ich mehr als erfreut als ich las, dass Tad Williams bald eine neue Osten Ard Reihe schreibt, die 30 Jahre nach den Ereignissen in Memory, Sorrow, and Thorn spielt. Es ist denke ich selbstverständlich, dass ich vorher einen Re-Read starte…immerhin habe ich die Reihe sowieso nur auf Deutsch gelesen 😉

3. Tad Williams‘ nächste große Reihe ist, nach meiner Einschätzung, in Deutschland weitaus bekannter: Otherland (1996, 1998, 1999, 2001). Ich habe die ersten drei 1000-Seiten Schinken jeweils innerhalb von 3 Tage durchgelesen, ich war noch nie so süchtig nach einem Buch. Und wartete dann mehr als ein Jahr sehnsüchtig auf den letzten Teil. Otherland spielt irgendwann Ende des 21 Jahrhunderts. Längst gibt es Virtual Reality, diese betritt man mithilfe von Brillen oder sogar durch das einstöpsel in den direkte Gehirn-Zugang. Obwohl die Reihe schon fast 20 Jahre alt ist, hat sie im Prinzip nichts an Aktualität verloren.
Kurz zum Inhalt: Die Geschichte beginnt damit, dass immer mehr Kinder in ein Koma fallen, vermutlich wegen des Netzwerkes. Irene ist Lehrerin für „virtual engineering“ in Durban, Südafrika. Als ihr Bruder auch in das Koma fällt, macht sie sich zusammen mit ihrem ehemaligen Studenten !Xabbu (der nicht mit dem Netzwerk aufgewachsen und „vom Land“ kommt) die Suche nach Antworten. Daneben gibt es weitere Erzählstränge, zb. den über Orlando, einen Jungen der komische Dinge in einem MMORPG sieht. Und sich auf die Suche nach Antworten macht 😉
Diese zahlreichen Erzählstränge führen dann auch dazu, dass man immer weiterlesen will, weil man natürlich wissen will, wie es mit dem Lieblingscharakter weitergeht. Auch Otherland erfordert eine gewisse Einlesezeit….wenn man ehrlich ist, ist im Prinzip der ganze erste Band ein Prolog, weil so viele Erzählstränge vorgestellt werden. Letztendlich emfpand ich die Fülle an Charakteren und Geschichten allerdings nicht als anstrengend.
Schade ist, dass Otherland von potenziellen Lesern leider oft falsch eingeschätzt wird. Natürlich gehört die Reihe dem Genre Sci-Fi an, allerdings stellen sich wohl viele bei der Beschreibung eine Art Cyberpunk/Matrix-Geschichte vor. Dabei ist Otherland anders und mehr. Es beleuchtet diverse Mythen, darunter auch die afrikanische Kultur !Xabbus, und führt den Leser innerhalb des virtuellen Netzwerkes in die verschiedensten Welten…vom alten Ägypten hin zur Illiad weiter in die Welt von Alice hinter den Spiegeln. Der Leser und die Charaktere werden zu Literatur-Touristen. Die Hülle von Otherland ist durchaus die eines Sci-Fi-Buches, es gibt eine virtuelle Realität und da läuft etwas schief. Aber der Inhalt und die Geschichte entspricht eher epischer Fantasy. Für mich ist diese Reihe vor allem eine Liebeserklärung an die Literatur und an Geschichten. So schmalzig das auch klingt 😀 Wer würde nicht gerne als Tourist durch seine Lieblingsbücher reisen? Anderherum würde ich Leuten, die keine großen Literaturfreunde sind oder das Buch vorwiegend wegen der Sci-Fi-Thematik in die Hand nehmen, davon abraten.

4. Die vierteilige Reihe Shadowmarch (2004, 2007, 2010, 2010) zeigt sich etwas morderner als Memory, Sorrow, and Thorn, auch wenn weite Teile der Reihe schon in den 1990ern geschrieben und teilweise im Internet publiziert worden sind. Zwar gibt es noch ein Zwergenvolk und als Protagonisten sowas wie Angelsachsen, allerdings ist das unsterbliche Volk hier sehr stark von den tolkien’schen Elben abzugrenzen. Nicht zuletzt, weil die Elben, hier Qar genannt, feindlich auftreten. Sie erinnern eher an eine Weiterentwicklung der Sithi aus Memory, Sorrow, and Thorn. Aber auch das Zwergenvolk ist erstaunlich frei von klischeehaften Darstellungen und erhält doch einen eigenen Charakter, der auf ihrer Geschichte und Kultur basiert. Neben der wachsenden Bedrohung der Qar, die hinter einer Schattengrenze im Verborgenen leben, müssen die Bewohner von Southmarch sich auch mit dem imperalistisch-wahnsinnigen Autarchen von Xis auseinander setzen. Doch selbst der ist irgendwann nicht mehr das größte Problem.
Die Reihe würde ich nur Leuten empfehlen, die Williams schon kennen und mögen. Auch wenn Shadowmarch definitiv zur klassischen High Fantasy gehört, so hat hier Williams ganz klar seinen eigenen Stil eingebracht. Dazu gehört eine sehr komplexe und detaillierte Weltenbildung, was zu mitunter etwas langen Passagen ohne Action führen kann. Wie auch schon in seinem ersten Buch zeigt Williams hier noch mehr, wie gut er furcherweckende abstößliche Wesen beschreiben kann. Und natürlich wird es wieder episch. Verdammt episch.

5. Zusammen mit seiner Frau Deborah Beale schreibt Tad Williams die Reihe The Ordinary Farm Adventures (2009, 2011). Zwei Bücher sind schon erschienen, weitere folgen. Anders als Tad Williams‘ bisherige Bücher, haben wir hier contemporary fantasy, die nicht episch ist. Mit seinen zwei jungen Protagonisten richtet sich die Reihe eher an Jugendliche, aber ist auch für Erwachsene spannend und unterhaltsam. Wer sich für Drachen und andere Fabelwesen interessiert, kann hier mal reinschauen. Es ist auch nicht so langatmig wie Williams‘ andere Bücher. 😉

6. Ebenso actiongeladen und weniger langatmig ist Tad Williams‘ aktuelle Reihe The Bobby Dollar Books (2012, 2013, 2014), die auf Wikipedia als noir fantasy thriller beschrieben werden. Protagonist ist Bobby Dollar. Eigentlich Doloriel. Denn er ist ein Engel. Und auf Erden fungiert er als Anwalt für die Seelen der Verstorbenen (jetzt ratet mal, welche Partei auch seine Anwälte im Rennen hat). Die Reihe ist ungewöhnlich, witzig und nicht ganz jugendfrei. Und bis auf einige Details wieder ganz anders, als Williams andere Bücher. Allein aufgrund der Idee sollte man zumindest mal in den ersten Band reinschnuppern. Den zweiten Band fand ich leider etwas dröge, auch wenn der Besuch in der Hölle ingesamt ganz interessant war. In den dritten Band konnte ich leider noch nicht reinschnuppern, aber ergänze den Post sobald ich dazu eine Meinung habe.

Wo fange ich an?

Jetzt habe ich hier so viele Reihen vorgestellt und der geneigte Leser fragt sich eventuell, was man denn nun davon als erstes lesen sollte.

– Wer klassische High Fantasy liebt, MUSS Memory, Sorrow, and Thorn lesen. Ehrlich, da führt kein Weg dran vorbei. Auch interessant für alle, die die Wurzeln der heutigen High Fantasy kennenlernen möchten. Das Setting mag etwas altbacken sein, die Geschichte ist auch für heutige Verhältnisse einfach nur großartig.

– Wer lieber zeitgenössische Fantasy mag und ein Literaturfreund ist, dabei ungewöhnlichen Protagonisten nicht abgeneigt ist, der sollte Otherland ausprobieren.

Wichtig ist, dass man bei beiden Reihen erstmal einige Seiten hinter sich bringen muss, bevor die Geschichte in Fahrt kommt. Aber es lohnt sich. Generell zeigen sich Tad Williams Stärken vor allem in den Reihen. Für alle, die aber partout keine Reihe anfangen möchten, gibt es ein Buch (ja, keine Reihe) namens The War of Flowers (2003). Es handelt von einem verkappten Rockstar, der durch Zufall im Feen-Land landet. Wo sie aus Blüten trinken und mit Zügen fahren. Ja, ihr habt richtig gelesen. Das ist eine Fantasygeschichte, die zu Tad Williams‘ contemporary Fantasy-Büchern gehört. Wer nicht alle englischensprachigen Vokabeln im Bereich Flora und Fauna kennt, sollte zur deutschen Übersetzung greifen. Wem die Geschichte zu abgefahren ist, der probiert stattdessen Tailchaser’s Song.

Kurz und knackig: Tad Williams

1. Episch
2. Brutal
3. Humorvoll
4.Facettenreich
5. Tolkien’esk

Beginnen mit: Memory, Sorrow, and Thorn – The Dragonbone Chair bzw. auf deutsch Das Geheimnis der großen Schwerter – Der Drachenbeinthron. Wer klassischer High Fantasy abgeneigt ist, probiert stattdessen Otherland – City of Golden Shadow bzw. auf deutsch Otherland – Stadt der Goldenen Schatten. Bei Otherland würde ich gegebenfalls auch zur Übersetzung raten.

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