[Blogparade] Stadtei oder Landkind?

Bei Thomas von Wildbits habe ich einen Post zum Thema „Stadt oder Land?“ entdeckt und mit Interesse gelesen. Dieser wurde für die Blogparade von Ilona verfasst. Ein tolles Thema, über das ich öfters nachdenke und mich mit anderen austausche. Und hier kommt mein Beitrag. Ich bin durch und durch ein Stadtkind. Im polnischen Ruhrpott geboren, in Düsseldorf aufgewachsen. 600.000 Einwohner hat die Landeshauptstadt. Eingebettet in die Region Rhein-Ruhr sind es fast 10 Millionen Einwohner. Ich bin damit aufgewachsen, dass die eine Stadt dort aufhört wo die andere anfängt.

Köln Stadtwald

Düsseldorf Altstadt
Düsseldorf Altstadt von den Rheinwiesen betrachtet

In dem Düsseldorfer Viertel, wo ich als Kind lebte, gab es einen Schloßpark, einen kleinen Wald und den Rhein samt Wiesen. Es gab auch ein Einkaufszentrum, jahrelang einen Karstadt und was man sonst noch alles braucht. Trotzdem hatte das Viertel einen schlechten Ruf wegen der sozialen Betonbauten mit vielen Migranten unterschiedlicher Nationen (damals Polen, Türken, „Jugoslawen“, Vietnamesen, Italiener…). „In die Stadt fahren“, das hieß die 15-minütige Fahrt mit der S-Bahn in die Innenstadt auf sich nehmen. Im Endeffekt kann ich sagen: ich habe dort gerne als Kind gelebt.
Von der 5. bis zur 10. Klasse wohnte ich in einem Vorort Düsseldorfs mit 85.000 Einwohnern. Ich empfand es als Qual. Alle kannten sich seit zig Generationen. Neulinge wurden nicht ausgegrenzt aber auch nicht wirklich angenommen. Ich war überglücklich, als es wieder nach Düsseldorf ging, diesmal sogar „in die Stadt“. Das war schön: Die Freiheit, spontan irgendwo hinzufahren, schnell am Rhein zu sein und vor allem eine neue, bessere Schule besuchen.

Cotswolds
Blick auf Cheltenham und die Black Mountains

Eine krasse Änderung gab es nach meinem Abitur: ich ging für ein Jahr nach England. Dort wohnte auf einem Hügel in den Cotswolds. Es gab nichts außer dem College für behinderte Jugendliche, mein Arbeitsplatz. Die nächste bewohnte Ortschaft, Cheltenham (ca. 100.000 Einwohner im Bezirk) war ca. 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Es gab jedoch weder Auto noch Nahverkehr. Zu Fuß war es eine Stunde runter. Und eine halbe Stunde länger den Hügel wieder rauf. Die Gegend war traumhaft, man konnte bei gutem Wetter auf die Black Mountains in Wales blicken. Das Leben da war für mich trotzdem furchtbar. Ich fühlte mich gefangen. Die Lösung: Stadtflucht.  Ich bin permanent nach Oxford oder London gefahren, dank unverschämt günstiger Bustickets kein Problem. Es waren irgendwann keine touristischen Besuche mehr, ich wollte einfach nur Stadtluft schnuppern. Andererseits war ich während des Auslandjahrs auch in Irland und Schottland unterwegs und genoß dort die Einsamkeit:

Uig, Isle of Skye, Schottland
Uig, Isle of Skye, Schottland

 

Cong, Mayo, Irland
Cong, Mayo, Irland

Für meine Urlaube habe ich keine Präferenzen. Am schönsten finde ich Urlaube, die Stadt mit Land kombinieren. Oder mit Wasser. Dieses Jahr geht es nach Edinburgh inkl. einer kleinen Schottlandtour.

Während des Studiums wohnte ich in Wuppertal, bekam aber zwischen Uni und Wohnung nicht viel mit. Irgendwann wohnte ich als Studentin wieder in Düsseldorf. Doch mein Berufsleben wollte ich da nicht starten. Vor fast 3 Jahren, kurz vor dem Ende meines Studiums, zog ich nach Köln. Das war gewagt, normalerweise zieht man ja für den Job um. Aber ich wollte in Köln leben.  Zu einem, weil die Leute hier freundlicher und offener sind als in Düsseldorf. Zum anderen, weil Köln mir genau das bot, was ich wollte: eine Großstadt, die kein Auto braucht. Den Rhein, Parks, und die Möglichkeit schnell „aufs Land“ zu fahren, also in die Eifel oder an die Mosel. Auch wichtig war, dass ich hier einfacher neue Kontakte knüpfen konnte.

Ich und der Freund in Köln - Symbolbild
Ich und der Freund in Köln – Symbolbild

Mein Viertel gehört nicht zu den Trendvierteln der Hipster und Studenten, sondern wird von einer grünen Mittelschicht bevölkert. Es ähnelt einem Dorf, aber ohne die Nachteile. Ich mag das Viertel, weil man in 5 Minuten im Stadtwald ist, zahlreiche Restaurants in der Nähe hat, genauso Geschäfte und Ärzte. Wir haben eine kleine Terrasse, worauf man schön grillen kann, und ein kleines Wiesenstück, dass im Sommer von unseren Meerschweinchen belagert wird. Ich brauche kein Auto. Meine Straßenbahn kommt so oft, dass Wartezeiten von mehr als 5 Minuten nervig sind. Noch dazu habe ich das Glück, „in der Stadt“ zu arbeiten. Am Dom meine Mittagspause machen zu können. Ich mag an Köln, dass ich viele Optionen habe. Mich zurückziehen kann, eine Auswahl an zig kulturellen Events (auf den Karneval verzichte ich aber gerne) habe, Sozialkontakte gut pflegen und neue Leute durch Hobbys kennenlernen kann – was mir in einem Dorf als small talk-Invalide sehr schwer fallen würde.

Ich weiß nicht, ob ich immer in der Stadt wohnen werde. Die günstigen Immobilienpreise in der Eifel reizen schon. Vor allem, wenn man an die wohlmöglich kleine Rente denkt. Ein eigenes Haus mit noch mehr Platz und einem großen Garten…aber was würde mir das bringen, wenn ich niemanden hätte, der mich besuchen kommt? Die Freiheit an Sozialkontakten ist mir momentan wichtiger als jegliche Freiheit in der Natur oder auf dem eigenen Grundstück. Daher eindeutig: Stadt.

2 Gedanken zu „[Blogparade] Stadtei oder Landkind?“

  1. Danke für die Teilnahme 🙂 Durch dich habe ich gesehen, dass auch Thomas teilgenommen hatte. Das wusste ich bisher noch nicht. Keine AHnung, was mit dem Link passiert ist.

    Ich kann es gut nachvollziehen mit dem „gefangen fühlen“ auf dem Land – so ging es mir auch.
    Und wegen der günstigen Wohnpreise. In dem Buch „Stadtlust“ habe ich den treffenden Satz gelesen: Kleinere Wohnungen in der Stadt – ja. Aber für das weniger Innen hat man mehr Außen 😉

    LG, Ilona

    1. Das was das Buch so treffend beschreibt, habe ich in Diskussionen auch immer angeführt. 🙂 Ich mag es gemütlich Zuhause rumzuhängen. Aber trotzdem möchte ich das Außen nicht missen.

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