[Buch] Ancillary Justice (Imperial Radch #1)

Der ersten Roman von Ann Leckie wurde 2014 mit Awards überschüttet, Hugo, Nebula, Arthur C. Clarke, diversen Autor*innen wie Patrick Rothfuss feierten Ancillary Justice. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch. Ich hoffte auf einen neuen space opera Kracher à la The Expanse. Leider konnte Ancillary Justice meine Erwartungen nicht erfüllen, obwohl ich es wirklich gerne geliebt hätte.

Disclaimer. Ich schreibe spoilerfrei, dh. erwähne nur das, was zu Beginn bekannt wird. Einige Dinge lass ich weg, damit die Überraschung nicht verdorben wird. Inhaltsangaben auf Amazon etc. fand ich teilweise zu explizit. Vermeidet sie.

Inhalt. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Die Menschenrasse wird durch das expansionsfreudige Imperium von Radch beherrscht (Hallo, Weltraum-Römer). Die Story beginnt auf einem Eisplaneten. Breq findet eine Person namens Seivarden, die sie vor 1000 Jahren kannte. Wie das sein kann? Breq ist kein Mensch, sondern eine AI. Flashback 19 Jahre früher: Das Schiff Justice of Toren befindet sich im Orbit des Planetens Shis’urna, der gerade von Radch annektiert wurde. Hier beginnt die Geschichte, wie Breq letztendlich auf dem Eisplanenten landete und wieso sie die Herrscherin von Radch töten will.

Ancillary Justice hat drei „Aspekte“. Zwei finde ich gelungen, den dritten leider nicht. Aber der Reihe nach.

  1. Im Imperium von Radch gibt es keine Unterscheidung von Gender. Um die Genderneutralität in unserer Sprache zu übermitteln, verwendet die Autorin ein generische Femininum. Anfangs war ich verwirrt und dachte, dass es den Lesespaß trübt. Tatsächlich aber führte das generische Feminium dazu, dass ich mir die Menschen vielfältig und ohne konkrete Geschlechtszuweisung vorstellte. Klein, groß, breit, zierlich, langes oder kurzes Haar. Ich bin mir sicher, dass es mit einem generischen Maskulinum nicht geklappt hätte. Mir hat gefallen, wie ich so die Charaktere ohne Beeinflussung von Geschlechtsklischees kennenlernte. Anfangs befürchtete ich, dass diese Thematik eine zu große Rolle einnimmt, ich wollte kein „Lehrbuch“ zu Genderthemen lesen. In der Anfangssequenz gendert Breq viele Leute falsch (außerhalb von Radch scheint man Gender zu unterscheiden), später spielt das Thema aber keine große Rolle mehr und wird auch für den Leser zur Normalität. Daher: ein schönes Leseexperiment, genau so muss Sci-Fi sein.
  2. In eine ähnliche Richtung geht der Hauptcharakter Breq, der kein Mensch, sondern eine AI ist. Wie ihre AI genau beschaffen ist, möchte ich hier nicht spoilern, auch wenn man das recht früh erfährt. Ähnlich wie bei der Gender-Thematik erhält hier der Leser einen ganz neuen Blickwinkel, das Leseerlebnis gestaltet sich erfrischend anders. Es ist auch etwas verwirrend, weil Breq eben nicht wie ein Mensch denkt. Ich fand diesen Charakter wunderbar und kann mich dem oberen Fazit anschließen: so muss Sci-Fi sein, Möglichkeiten erkunden, Blick auf Neues bieten. Breq ist der Grund, warum ich die Reihe zu Ende lesen möchte.
  3. Bis hierhin find ich alles wunderbar an Anillary Justice. Nun kommt das Aber. Zunächst: Das Buch ist nicht einsteigerfreundlich. Es erinnert teilweise an ältere pulpige Sci-Fi, wo wild mit Kunstwörtern um sich geworfen wird, um einen möglichst exotischen Raum zu erschaffen. Ein bisschen wie Game of Thrones. In einer unbekannten Fremdsprache. Der Witz an der Sache: man muss vieles gar nicht verstehen, weil die eigentliche Story für knapp 400 Seiten sehr dünn ist. Sie ist interessant und hat neue gute Aspekte, aber es gibt eben nicht viel Story.
    Die Fülle an neuen Eindrucken, Andeutungen und Exotik gepaart mit der eigentlich doch dünnen Storyline überforderte mich stellenweise sehr. Ich habe mir gleichzeitig „Mehr“ und „Weniger“ gewünscht. Mehr Erklärungen oder weniger Exotik. Mehr Storyline oder weniger Geplauder.

Fazit: Ich finde Breq toll und werde wegen ihr die Reihe auch irgendwann weiterlesen. Ancillary Justice zeigt wunderbar, wie ein AI-Charakter funktionieren kann. Auch die Gendersache bietet einen guten Einblick in eine mögliche zukünftige Welt. Wenn man sich der Simplizität der Storyline bewusst wird, ist das Lesen nicht mehr so anstrengend. Aber das muss man erst mal durch den Haufen an Exotik durchschauen. Wer sich für die Aspekte 1. und 2. interessiert, dem empfehle ich das Buch auf jeden Fall. Und die Storyline ergibt sich ganz von selbst, man sollte nicht allzu angestrengt darüber nachdenken, sondern einfach in einem lockeren Leseflow bleiben 😉

 

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