[Buch] The Immortal Life of Henrietta Lacks

11.000 Patente, 75.000 wissenschaftliche Artikel und 50 Tonnen Zellen. Erforscht werden Krankheiten wie Krebs und AIDS, Impfmittel, die Auswirkung von Radioaktivität und Giften, das Genom des Menschen. Und das alles mithilfe einer Zelllinie, die von einer einzigen Frau stammt: Henrietta Lacks. Ihre Zellen, nach ihren Initialen HeLa genannt, sind stark. Sie vermehren sich unaufhörlich. Sie sterben nicht. Sie kontaminieren andere Zellkulturen. Sie lassen Henrietta Lacks elendig an Krebs sterben. Was wie aus einem Sci-Fi-Horror klingt, ist Wissenschaftsgeschichte, eng verwoben mit dem Leben der Henrietta Lacks, ihren Kindern und dem Rassismus der USA der 50er.

Ich hatte noch nie etwas von HeLa-Zellen gehört. Das erste Mal las ich davon in einem Sci-Fi Buch, The Book of Phoenix. Mit Hilfe dieser Zellen wurde die Protagonistin Phoenix erschaffen und wuchs innerhalb von 2 Jahren von einem Kleinkind zu einer „40jährigen“ Frau heran. Mich machte stutzig, dass in dem kurzen Abschnitt auch der Name Henrietta Lacks fiel. Also googelte ich ihn, in der Hoffnung eine Anspielung auf eine echte historische Persönlichkeit zu finden. Erstaunt stellte ich fest, dass nicht nur Henrietta Lacks eine reale Person war, sondern auch ihre HeLa-Zellen existieren.

Bis heute wird mit HeLa-Zellen geforscht, 2014 wurde der letzte Nobelpreis verliehen, der eine Forschungsarbeit auszeichnete, die HeLa Zellen verwendete. Henrietta Lacks und ihre Familie erhielten keinen Cent aus der millionenschweren Industrie mit den Zellen. Das liegt nicht nur daran, dass in den 50ern Ethik und Patientenaufklärung in Medizin und Forschung eine geringere Rolle spielten. Auch heute haben Patienten an abgegebenen Zellen keine Rechte, außer, dass der „Spender“ anonym bleibt.

Black Scientists and technicians, many of them women, used cells from a black woman to help save the lives of millions of Americans, most of them white. And they did so on the same campus – and at the very same time – that state officials were conduction the infamous Tuskegee syphilis studies.

Ich könnte zig Seiten darüber schreiben, wie toll ich The Life of Henrietta Lacks von Rebecca Skloot finde. Ich erwartete vor dem Lesen nicht viel. Ja, da war eine Frau deren Zellen für die Forschung wichtig waren, was will man da 300 Seiten drüber schreiben? Wie sich herausstellt: ganz viel spannendes! Die Autorin Rebecca Skloot forschte jahrelang in Zusammenarbeit mit der Familie Lacks und verknüpft ganz geschickt verschiedene Themenspektren. Der Leser erfährt, wie schwarze Amerikaner wie Henrietta Lacks- gerade ein paar Generationen aus der Sklaverei entkommen – sich auf dem Land über Wasser hielten, für ein besseres Leben in Städte zogen und mit dem Rassismus der Medizin und Wissenschaft kämpfen mussten.

Ein anderer spannender Aspekt an Skloots Buch war der Einblick, wie Leute mit sehr geringer Bildung Wissenschaft wahrnehmen. Was sind Zellen? Lebt Henrietta doch noch irgendwo, eingeschlossen in einem Labor, wo sie unter Qualen Krebs, AIDS und Radioaktivität ausgesetzt wird? Laufen Klone von ihr herum? Alles legitime Fragen, die Henrietta Lacks Familie stellt und die insbesondere ihre Tochter Deborah durch mühselige Selbststudien zu beantworten sucht.

Fazit: Absolute Leseempfehlung. Egal ob man sich für Wissenschaft, Ethik, amerikanische Geschichte oder eine ganz persönliche Familiengeschichte interessiert. Ich hätte nie gedacht, dass man aus so vielen Themenbereichen eine runde Erzählung machen kann, aber das ist der Autorin Skloot außerordentlich gut gelungen.

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