[Buch] Kindred

Es ist der 9. Juni 1976, Danas Geburtstag und der Tag an dem Sie mit ihrem Mann Kevin in ihr neues Haus einzieht. Beim Auspacken der Kartons wird ihr schwindelig, ihre Umgebung verblasst und sie findet sich plötzlich im Freien an einem Fluß wieder, ein kleiner Jung droht dort zu ertrinken. Es beginnt eine Zeitreise-Geschichte, in der Dana durch mysteriöse Umstände mit Rufus Weylin verbunden ist. Sie ist eine schwarze, unabhängige Frau, er ist der weiße Sohn eines Plantagenbesitzers und Sklavenhändlers im Jahr 1815. Danas Aufgabe ist es, Rufus immer wieder das Leben zu retten, um so ihre Familienlinie zu erhalten.

Octavia E. Butler sortierte ihre Geschichte nicht als science-fiction ein, sondern als grim fantasy: Was passiert, wenn eine moderne schwarze Frau in der Plantation Era landet? Und wie kann sie mit dieser Situation umgehen, wenn ausgerechnet der weiße Sklavenhalter essentiell für ihr eigenes Überleben ist?

Die Erzählung ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, so erlebt der Leser zusammen mit Dana, wie aus dem vermeidlichen Schauspiel (Dana spielt auf Zeitreisen die schwarze Sklavin, um ihre „Mission“ voran zu bringen) Sein wird. „I never realized how easily people could be traint to accept slavery.“

Mir hat Kindred sehr gut gefallen. Das Buch ist mit 300 Seiten relativ kurz und fokussiert sich auf das Wesentliche. Trotz der schweren Thematik empfand ich es nicht als überfordernd. Gewalt wird dargestellt, allerdings konzentriert sich Kindred auf die sozialen Verflechtungen und Beziehungen, gibt Einblick in die Perspektive von Sklaven oder freien Schwarzen. Dahingehend lässt sich Butlers Roman als neo-slave narrative bezeichnen. Bulter betrieb umfangreiche Recherchen um eine authentische Erzählung von schwarzen Sklaven zu konstruieren. Die weißen Personen werden stets aus Danas Blickwinkel betrachtet: grotesk, fremd und gefährlich sind sie. Wie konnten Menschen früher andere Menschen als Sklaven halten? Kindred gibt darauf keine Antwort, zeigt aber, wie das System Sklaverei funktionieren konnte und auch heute noch funktionieren könnte: wegsehen, mitmachen, etwas Milde, etwas Strenge, wirtschaftliche Not, Verachtung gepaart mit emotionaler Nähe. Kindred zeigt, dass Entmenschlichen nicht nur heißt, dass Menschen grausam behandelt werden, sondern schon vorher viele kleine Zwischenstufen dahin führen.

Nach dem Epilog folgt noch ein interessanter Essay von Robert Crossley, der etwas Hintergrundinformationen und Einordnung zu Kindred gibt:

It is a central text in her [Butler’s] exploration of the webs of power and affection in human relationships, of the ethical imperative and the emotional prive of empathy, of the difficult struggle to move beyond alienation to connection.


Fazit
: Kindred ist ein literarisches Gedankenspiel, das kein Vorwissen von der Leserin erfordert und zum Nachdenken anregt. Absolute Leseempfehlung. Eine wohl gute Graphic Novel zum Buch gibt es auch.

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