[Serie] Atypical

Die neue Netflixserie „Atypical“ habe ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen. 30 Minuten dauert eine Folge, die erste Staffel hat davon acht. Die Serie ist eine Mischung aus Comedy und Drama, sie handelt von dem 18jährigen Autisten Sam, seiner Familie und seinem direkten Umfeld. Vorweg gesagt: mir hat die Serie gut gefallen.

Sam ist 18 Jahre alt, geht zur Highschool, mag die Antarktis und wünscht sich eine Freundin. Als Autist muss er da Hürden nehmen, die schon für neurotypische Teenager sehr schwierig sind. Seine Psychotherapeutin hört zu und hilft, ohne ihn umpolen zu wollen. Eine wichtige Rolle in der Serie spielt auch Sams Familie. Deren Probleme resultieren teilweise auch aus Sams Diagnose (Schwester mit Helfersyndrom, sich aufgebende Mutter, überforderter Vater), allerdings erweckt die Serie nie den Eindruck, dass Sam die Schuld daran gegeben wird. Die Familie scheitert eher an den sich selbst gestellten Erwartungen.

Ich bin kein diagostizierter Autist, aber als starker Introvert dem autistischen Spektrum eventuell nah bzw. mit ähnlichen Problemen behaftet. So kann ich bei vielem, was Sam erlebt, verständnisvoll mit dem Kopf nicken und fühle mich von der Serie ernst genommen. Sam ist kein komischer, verquerer Sidekick, wie Sheldon aus The Big Bang Theory und auch nicht so wie Abed aus Community. (Captain Holt aus Brooklyn Nine Nine fällt mir noch als ein neuro-atypical Charakter, der in dieser Serie allerdings als sehr respektable Person gezeichnet wird.)
Sam ist zwar auch leicht überspitzt gezeichnet, aber das sind alle Hauptfiguren der Serie, die schließlich eine Comedy ist. Atypical erinnert mich eher an Familienserien wie The Fosters oder Switched at Birth. Alles Serien, wo die Teenager „besondere Eigenschaften“ haben, die von den Serien recht unspektakulär dargestellt werden. Das hat mir an Atypical sehr gut gefallen.

Das einzige, was ich wirklich komisch fand: Sam scheint das Internet kaum zu nutzen. Er vernetzt sich nicht mit anderen, er recherchiert dort kaum. Aber das muss man aus erzähltechnischen Gründen wohl so hinnehmen, eine Internetrecherche ist nun mal nicht so interessant wie wenn Sam seine Schwester oder seinen besten Freund zu Liebesthemen befragt.

Wieso die großen deutschen Zeitungen sich fast nur negativ über die Serie äußern, mag ich nicht ganz verstehen. Vielleicht ist es ein Ritter-in-weißer-Rüstung-Effekt, dass die (neurotypischen) Autor*innen vorsorglich den Betroffenen zur Seite springen möchten und deswegen die Serie verurteilen. Vielleicht finden sie es lächerlich, wenn ein 18jähriger Pinguine und die Antarktis mag und halten es deswegen für Lächerlich-Machung des Charakters, wenn Sam als ein euphorischer Fan dargestellt wird. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass in diese Reviews zu viel eigenes Unbehagen gegenüber neuro-atypischen Verhalten einfließt.

Es gibt sicher ein paar Kritikpunkte an der Serie, aber alles in allem finde ich es schön, dass die Serienlandschaft nun wieder ein Fünkchen diverser ist und jemand Hauptcharakter sein darf, der nicht neurotypisch ist und im Alltagsleben gezeigt wird. Aus der Autismus-Community gibt es unterschiedliche Stimmen, unten verlinkt habe ich zwei positive Rezensionen, die ich ganz gut fand.

Serienkritik „Atypical“: Eine realistische Utopie

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