[Buch] Arkadien Erwacht (Arkadien 1)

Etwas irritiert war ich von dem Aufkleber „Fantasy/Sci-Fi“ als ich das Buch auslieh. Von Kai Meyer hatte ich bis dato nichts gelesen und ich glaube, das wäre hier auch meine erste (moderne) deutschsprachige Fantasy.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie eine schnöde Liebesgeschichte á la Romeo und Julia, zwei Teenager aus verfeindeten Mafiafamilien, mitten in Sizilien. Rosa, ein freches Gothikmädel, und Alessandro, der gut aussehende und smarte Sohn eines Mafiabosses. Naja, erinnert mich irgendwie an Twilight, auch wenn hier Rosa eher als Anti-Bella fungiert. Etwas übertrieben wirkt sie, aber welch Jugendlicher tut das nicht. Alessandro scheint etwas zu aalglatt und man lernt seinen Charakter im Laufe der Erzählung eher weniger kennen, aber mal sehen, ob in Band 2 sein Charakter etwas „runder“ wird.

Sehr angenehm fand ich, wie behutsam der Leser an die Fantasy-Thematik rangeführt wird. Alles beginnt mit kleinen Andeutungen und Vermutungen, die Auflösung des Rätsels kommt relativ spät im Buch, was den Fantasyteil der Erzählung authentisch und real erscheinen lässt.

Am Erzählstil und der Sprache gibt es absolut nichts zu meckern, ein großer Dank geht an den Autor Kai Meyer, der diese Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive verfasste, obwohl es sich anbieten würde, da die Erzählung stets um Rosa zentriert ist. Aber ich persönlich finde die meisten Ich-Erzählungen langweilig, unnötig und irgendwann nur noch nervtötend.

Besonders hat mir gefallen, dass Meyer viele Situationen beschreibt, wo die Geschichte deutlich anders verläuft, als man es sonst kennt oder erwartet. Rosa handelt authentisch, der Autor zwingt sie nicht in Verhaltensmuster rein, nur um eine einfachere Geschichte zu erzählen. Allerdings wirkt Rosa manchmal zu keck und der Ablauf der Gesamthandlung zu einfach. Naja, aber es ist ein Jugendbuch, und daher passt es schon.

Mein Fazit: Sehr flüssig zu lesen und fesselnd. Die Fantasygeschichte ist nicht ganz neu, aber die zugrundelegenden Mythen sind erfrischend anders. „Arkadien erwacht“ hat deutlich seine eigene Note und ich bin schon gespannt, wie es weitergeht in Band 2. Was den „Sci-Fi“ Anteil betrifft, kann man sich gegen Ende des Bands schon einiges denken, mal sehen, ob es doch anders kommt als erwartet.

Ich werde auf jeden Fall noch weitere Bücher von Kai Meyer lesen, und wenn man weiß, wie extrem kritisch ich mit deutschen Autoren bin, der weiß, welch ein Kompliment das ist.

[Buch] Alcatraz und die dunkle Bibliothek

AlcatrazEinige Leute sind der Meinung, wir Autoren schreiben Bücher, weil wir eine unglaublich lebendige Fantasie haben und unsere Visionen mit anderen teilen wollen. Andere gehen davon aus, dass Autoren schreiben, weil wir alle diese Geschichten in uns tragen und sie in Schüben kreativer Proponditität aufschreiben müssen, weil wir sonst platzen würden.
Beide Theorien sind vollkommen falsch. Autoren schreiben nur aus einem einzigen Grund Bücher: Wir lieben es, andere zu foltern.

Eigentlich befand sich ein anderer Titel dieses Autors auf meiner Liste, die ich in die Bücherei mitnehmen wollte. Das Buch befand sich auf meiner Amazon Wunschliste und war da draufgekommen, weil einer meiner Lieblingsautoren dadrüber gebloggt hatte.
Allerdings vergass ich die Liste.

Der Name des Autoren fiel mir beim Stöbern dann auf, allerdings war es das „falsche“ Buch, welches ich schließlich mitnahm. War auch egal, les ich halt erst einen anderen Titel. Auch wenn „Alcatraz und die dunkle Bibliothek“ irgendwie nach Harry Potter (dislike) klingt. Noch dazu ist Alcatraz ein 13-jähriges Pflegekind, welches von Pflegeeltern zu Pflegeeltern geschickt wird. Sehr Traurig. Wieso das ganze? Er hat ein Talent Dinge zu zerbrechen.

Zu seinem 13.Geburtstag erreicht ihn ein Päckchen seiner Eltern. Welches Sand erhält. Passenderweise steht einige Stunden später ein alter wirrer Mann vor seiner Tür und behauptet, dieser Sand verhilft im Kampf gegen die Bibliothekare.

Alles übrigens aus der Ich-Perspektive des Jungen geschildert, coming of age Stil.

Ürgs, dachte ich mir zuerst. Das war gestern. Soeben habe ich das Buch (300 Seiten in größerer Schrift) durchgelesen. Und bin begeistert! Bei der Geschichte habe ich mir zeitweise gedacht, dass es ja so neu auch nicht ist, nur in einer anderen Verpackung. Ahnungsloser armer Junge gerät in Fantasiewelt, wird zum Helden, und so weiter. Allerdings ist es wirklich wunderbar witzig, wie Brad Sanderson die Geschichte präsentiert. Einen kleinen Ausschnitt habt ihr ja schon oben lesen dürfen, am Ende dieses Artikels könnt ihr den Rest lesen und habt einen erste Eindruck gewonnen, was das Buch neben einer Geschichte noch zu bieten hat.

Alcatraz und die dunkle Bibliothek ist der erste Teil einer vierteiligen Reihe, von der allerdings die letzten beide Bände auf Deutsch (zumindest laut Amazon) noch nicht verfügbar sind. Ich fand es herrlich schräg, auch wenn es erst ungewohnt ist, dass man mehr vom Ich-Erzähler erzählt bekommt anstatt nur der Geschichte dröge folgt. Vielleicht mögen sich auch einige an den ständigen Erzählpausen stören, ich jedoch nicht. Das Buch behandelt nicht nur die Geschichte über einen Jungen, der gegen Bibliothekare kämpft, sondern auch die Irrungen und Wirrungen des Autoren-dasseins. Ein schöner Pseudodialog zwischen Autor und Leser wird geschaffen.

Für alle, die gegen ein schräges Fantasybuch nichts einzuwenden haben, welches gewitzt mit den typischen Erzählkonventionen spielt, ist es absolut empfehlenswert. Für Leute, die den Humor des Autors nicht teilen, wirds wohl ein quälender Müßiggang, da die Geschichte allein nicht so aussergewöhnlich ist.

Natürlich wird die Folter im herkömmlichen Sinne in der zivilisierten Gesellschaft von heute aufs Schärfste verurteilt. Doch glücklicherweise hat die Gemeinschaft der Autoren durch das Geschichtenerzählen ein sogar noch mächtigeres – und befriedigenderes – Werkzeug gefunden, um anderen Schmerzen zuzufügen. Wir schreiben Geschichten und bedienen uns damit einer vollkommen legalen Methode, mit der wir unseren Lesern alle nur erdenklichen grauenhaften und sadistischen Dinge antun können. Nehmt zum Beispiel das Wort, das ich soeben gebraucht habe, Proponditität. Dieses Wort gibt es nicht – ich habe es mir ausgedacht. Warum? Weil ich es lustig finde, mir vorzustellen, wie Tausende von Lesern in ihren Lexika nach einem Wort suchen, das absolut keinen Sinn ergibt.

Reingefallen? 😉

[Buch] Eine Anthropologin auf dem Mars

In sieben spannenden Fallgeschichten führt der Mann mit dem Röntgenblick für die Abgründe der Seele seine Leser in das paradoxe, surreale Universum von Individuen, die durch einen Defekt unter der Schädeldecke einen integralen Aspekt des In-der-Welt-seins verloren haben, das Farbgefühl oder den Bezug zur Gegenwart zum Beispiel.

Leider ist der Klappentext nicht wirklich dem Buch getreu. Es geht nicht primär um Individuen, die einen Aspekt des In-der-Welt-seins verloren haben, sondern die auch einen oder gar viele andere Aspekte gewonnen haben. Im Grunde genommen geht es um eine der Menschheitsfragen schlechthin: Was ist die Realität, Was ist der Mensch und Was ist „normal„? In sieben Fallgeschichten wird unser Verständnis davon auf den Kopf gestellt.

Eine Anthropologin auf dem Mars

Der farbenblinde Maler verliert aufgrund eines Autounfalls sein Farbensehen, ein kleiner Bereich im Gehirn ist ausgefallen. Sacks findet in einer Reihe von Test heraus, dass er jedoch nicht nur die Farben verloren hat, sondern jetzt besser als andere Menschen Wellenlängen sehen kann, dh. ein ausgeprägteres Verständnis von Hell – Dunkel Kontrasten entwickelt.

Der letzte Hippie ist ein Mann, der aufgrund eines unerkannten Gehirntumors sich zu einer Art Buddha entwickelt. Der Gehirnschaden lässt seine Haare ausfallen, ihn dicker werden und sein Gemüt wird vollkommen sanft und irgendwie „erleuchtet“. Seine Schläfenlappen sind zerstört, der Zustand erinnert an Patienten, denen eine Lobotomie „verordnet“ wurde. Der letzte Hippie ist in seiner Zeit stecken geblieben, lebt völlig in seinem Jetzt, ohne Vergangenheit und Zukunft.

Das Leben eines Chirurgen beschreibt eindrucksvoll, wie ein unter Tourette und Tics leidender Mann dennoch Chirurg sein kann. „Bennett, der halb zusammengekrümmt auf dem Fußboden lag und einen Fuß in die Luft stieß, beschrieb einen ungewöhnlichen Fall von Neurofibrose – einen jungen Mann, den er vor kurzem operiert hatte. Seine Kollegen hörten ihm aufmerksam zu. Die Abnormität seines Verhaltens und die Normalität seiner Rede bildeten einen außergewöhnlichen Gegensatz. Die ganze Szene hatte etwas Bizarres; aber offenkundig war dies eine derart gewohnte Situation, daß man ihr nicht mehr die geringste Beachtung schenkte. Ein Außenstehender wäre fassungslos gewesen.“ (S.136) Übrigens kann dieser Chirurg auch trotz Tics wunderbar Autofahren und fliegen. Mit seiner Krankheit geht auch eine extrem schnelle Reaktionszeit einher, die Unfälle vermeidet.

Sehen oder nicht sehen, das ist die Frage für den nächsten Fall. Ein in der Kindheit erblinderter älterer Mann kann dank einer Operation wieder sehen. Allerdings kann er mit den visuellen Eindrücken wenig anfangen, sieht erst richtig, wenn er alles ertastet hat. Was also heißt es wirklich, etwas „zu sehen“?

Die Landschaft seiner Träume handelt von einem Mann, der obzessiv sein Heimatdorf ständig idealisiert malen muss. Auch in Wunderkinder wird das Malen zum Thema gemacht, allerdings geht es hier um einen Jungen, der ein exzellentes fotografisches Gedächtnis hat, welches er zum Malen benutzt.

Schließlich handelt der letzte Fall von einer Anthropologin auf dem Mars, Temple Grandin, von der ich schon hier berichtet hatte. Eine Autistin, die menschliche Gefühle nicht verstehen kann, sich aber dennoch mittlerweile gut mit ihrem Leben unter Menschen (die für sie wie eine andere Spezies wirken) arrangiert hat. Interessant sind auch die kurzen Einschübe über eine komplett autistische Familie.

„Rinder und Schweine verstehe ich sehr gut. Bei Hühnern klappt es nicht so.“ aus einem Interview mit der SZ.

Liest man sich diese Fallstudien durch, so erfährt man ein komplett anderes Weltverständnis, welches aber nicht schlechter ist als unseres. Winzige neurologische Ausfälle können einen Menschen derart verändern, dass er von seinen Mitmenschen als „unnormal“ bezeichnet wird. Jedoch bringen diese Ausfälle nicht nur negatives mit sich, sondern verhelfen oft zu Inselbegabungen (in der Kunst, Mathematik oder Mnemotechnik) oder fokussieren die Person auf eine andere Weltsicht. Dies reicht sogar so weit, dass sie ihre Krankheit nicht als Krankheit sehen, sondern als unerwartete Gabe.

1990 schrieb Temple Grandin in einem Aufsatz:

Sich ihres Autismus bewußte Erwachsene und ihre Eltern sind oft zornig auf den Autismus. Sie fragen vielleicht, warum die Natur oder Gott so schreckliche Störungen wie Autismus, manische Depression oder Schizophrenie geschaffen hat. Doch eine Eliminierung der GEne, die solche Störungen hervorbringen, könnte entsetzliche Folgen haben. Möglicherweise sind Menschen mit nur einigen solcher Merkmale kreativer, ja, vielleicht sogar genial…Würde die Wissenschaft diese Gene beseitigen, regierten vielleicht bald Buchhalter die Welt.

Oliver Sacks schafft es auch hier, die Fallgeschichten auch für Laien spannend und unterhaltsam zu erzählen. Dadurch, dass das Buch in 7 Fallgeschichten unterteilt ist, wird man nicht allzu sehr mit neuen Eindrücken und Informationen erschlagen. Ich habe hier bereits eine Rezension über „Der Einarmige Pianist“ geschrieben und werde wohl nach einer kleinen Verdauungspause bald mit dem nächsten Buch von Sacks anfangen.

 

 

Wer sich weniger für Bücher interessiert, kann ja mal in den Film „Das große Erwachen“ reinschauen, der Film ist am gleichnamigen Buch orientiert.

Zeit des Erwachens