[Buch] The Left Hand of Darkness

Von Ursula K. Le Guin hatte ich noch nie ein Buch gelesen, nach ihrem Tod nahm ich mir vor das nachzuholen. Ich habe mich dann für The Left Hand of Darkness entschieden. Der Roman ist 1969 erschienen, war sehr erfolgreich und wurde mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet. Außerdem gilt er als einer der ersten feministischen Sci-Fi Romane, da er sich mit mit dem Thema Sexualität/Gender-Identität beschäftigt. Das tut auch Ancillary Justice von 2013 und ich fand es daher interessant, die beiden Bücher in dem Punkt zu vergleichen. Kurz hatte ich Panik, weil auf dem Kindle „Teil 4 vom Hainish Zyklus“ stand. Aber das Buch ist trotzdem ein Standalone und die Bücher des Hainish Zyklus‘ sind nur sehr lose miteinander verknüpft.

Der Hainish-Zyklus spielt in einer Welt, wo die Menschheit vom Planeten Hain stammt und von dort aus verschiedene Planeten in der Galaxis besiedelte. Einige Welten werden von genetisch veränderten Menschen bewohnt. Wann genau dieser Exodus passierte ist unklar. Die Welten haben irgendwann den Kontakt zueinander verloren und beginnen nun, sich zu einer neuen Allianz zusammen zu schließen, dem Ekumen. Genly Ai ist Vertreter dieser Allianz und soll den abgelegenen Planeten Winter – in der Sprache der Einheimischen Gethen genannt  davon überzeugen, der Allianz beizutreten. Der Name ist hier Programm: auf dem Planeten herrscht ewige Kälte. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit: die Menschen von Gethen sind alle ambisexuell, wie es im Buch genannt wird. Das heißt, sie haben die meiste Zeit kein Geschlecht. Nur ein mal im Monat kommen jeder Mensch in die Fortpflanzungsphase namens kemmer, bildet dann eins der binären Geschlechter aus (ohne vorher auf ein Geschlecht festgelegt zu sein) und wird sexuell aktiv.

Le Guin nennt nennt ihren Roman im Prolog ein „Gedankenexperiment“ und untersucht in The Left Hand of Darkness, wie eine menschliche Welt ohne konstanten Einfluss von Sexualität wäre. Spannend ist hier aber auch, dass der Faktor „Ewiger Winter“ ebenso die Gesellschaft beeinflusst. Ein Beispiel: Es gibt zwar durchaus Mord und Totschlag, aber das Konzept „Krieg“ ist unbekannt. Hat es mit dem niedrigen Testosteron-Level der Menschheit zu tun, spielt der ewige Winter eine Rolle? Das beantwortet Le Guin nicht, sondern lässt der Leserin Raum darüber zu spekulieren.

Ich hatte große Probleme mit dem Einstieg, was vermutlich nicht an Le Guin liegt, sondern einfach am dem Alter des Romans und der damaligen Konvention, wie Sci-Fi sein soll. The Left Hand of Darkness ist mehr Reisebericht als Geschichte, Genly Ai eher Reiseführer als eigenständiger Charakter. Hinzu kommt viel exotic-name-dropping, sodass ich mich etwas verloren fühlte. Zwischendurch gab es noch Kapitel, die die Geschichte Gethens beleuchten, das stiftete zusätzlich Verwirrung. Zur Mitte hin wird aus dem Reisebericht aber zum Glück doch noch eine Geschichte zwischen Genly Ai und Estraven, Bewohner*in Gethens, was mich letztendlich am Ball hielt.

In der Welt von Ancillary Justice gibt es (bei den meisten) keine Vorstellung von Gender mehr, die Menschen haben zwar unterschiedliche Konfiguration von Geschlechtsorganen, aber jeder wird als she bezeichnet. Bei The Left Hand of Darkness wird pauschal für alle das Pronomen he benutzt, solange sie nicht in kemmer sind. Ich hatte bei letzterem deutlich mehr Probleme damit, mir bei he auch feminine und androgyne Menschen vorzustellen, obwohl Le Guin öfters das Aussehen der Gethians beschreibt. Andersherum gelang es mir bei Ancillary Justice deutlich einfacher, mir bei she ein breites Spektrum an Menschen vorzustellen, auch „typische Männer“.

Für mich als Linguist ist es sehr spannend diese beide Romane in diesem Aspekt zu vergleichen. Mir fiel es schwer, bei he nicht ständig an einen typischen weißen Mann zu denken, also den Modus von „weißer Mann als default“ zu überwinden. Der ausschließliche Gebrauch von she in Ancillary Justice war jedoch so ungewohnt, dass mein Kopf einfacher Klischees überwinden konnte.

Aus heutiger Perspektive wirkt The Left Hand of Darkness nicht sonderlich feministisch auf mich, Genly Ai ist ein Mann und alle anderen sind he, auch wenn die Gethians kein Geschlecht haben, sie wirken wie Männer. Aber wenn man bedenkt, dass dieser Roman in den 60ern erschien, ist es schon bedeutend, wie Le Guin einerseits an der Konvention rüttelt, dass Sci-Fi eine reine Männerwelt ist, und andererseits eine Gesellschaft beschreibt, wo sexueller Umgang auf Konsens beruht und Kindererziehung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Auch eine Besonderheit, leider selbst für die heutige Zeit: im Roman wird mehrmals betont, dass alle Charaktere dunkelhäutig sind. Das war auch in Le Guins Reihe Earthsea der Fall, zu Le Guins Unmut wurden in der Verfilmung die Charaktere mit weißen Personen besetzt.

Fazit: The Left Hand of Darkness ist aus historischer und literaturwissenschaftlicher Sicht ein bereichernder Roman. Das Alter von fast 50 Jahren macht sich allerdings bemerkbar, eine Geschichte steht nicht so im Vordergrund wie es heute bei den meisten (Sci-Fi/Fantasy)Romanen der Fall ist. Insofern passen die Vergleiche von Le Guin zu J.R.R. Tolkien, der auch gerne Beschreibungen mehr Raum gab als der eigentlichen Geschichte, ganz gut.  The Left Hand of Darkness konnte mich während des Lesens nicht total fesseln, lieferte aber am Ende viel Stoff zum Nachdenken. Daher sollte man tatsächlich eher ein Gedankenexperiment erwarten und die kleine Geschichte um Genly Ai als Bonus sehen. Empfehlen würde ich The Left Hand of Darkness Fans von Space Sci-Fi, die sich tiefer mit dem Gerne auseinander setzen wollen.

PS: Einen interessanten Nachruf zu Le Guin, der sich auch mit den Geschlechterrollen diesem Buch beschäftigt, könnt ihr hier lesen.

 

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