[Serie] Troy – Fall of a City

Dass wir heute vom Trojanischen Pferd/Trojaner reden, zeigt, welche Nachwirkungen die Geschichte um den Trojanischen Krieg, wie er in Homers Ilias beschrieben wird, noch mehr als dreitausend Jahre später hat. Historische Stoffe sind normalerweise nicht so meins. Aber bei der Geschichte um den Fall Trojas ist unklar, wie bzw. ob es sich tatsächlich so begeben hat, zum anderen behandelt der Stoff auch Elemente der griechischen Mythologie und kann dahingehend sowieso als zumindest teilweise fiktiv betrachtet werden. Ganz unabhängig vom Inhalt wurde mein Interesse dadurch geweckt, dass die Serie auch von der BBC produziert wird und mit dem Casting eines schwarzen Achilles schon im Vorfeld für Aufmerksamkeit sorgte.

Troy: Fall of a City ist eine 8teilige/-stündige Mini-Serie, die auf Netflix läuft. Sie handelt – wie der Titel vermuten lässt – von dem Fall Trojas, das vermutlich im Nordwesten der heutigen Türkei lag. Die Göttin Aphrodite versprach dem jungen trojanischen Prinzen Paris die schönste Frau der Welt. Diese sah er in Helena, Gattin des griechischen Königs Menelaos. Helena und Paris verliebten sich und flüchteten gemeinsam nach Troja. Davon waren die Griechen wenig begeistert und sammelten Ihre Streitkräfte vor den Toren Trojas. Helena sollte zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück kehren. Doch der Konflikt ließ sich nicht so schnell beenden wie erhofft, auch deswegen, weil der griechische Held Achilles nicht ohne gute Gründe seine Unterstützung geben wollte.

Den Film Troja mit Brad Pitt und Orlando Bloom fand ich gähnend langweilig, ein weiterer Actionstreifen ohne Tiefgang. Bei Troy befürchtete ich ähnliches, vor allem, weil es Anfangs viel mit Game of Thrones verglichen wurde. Letztendlich überraschte mich die Serie dann positiv. Obwohl in der Serie Götter Akteure sind, wirkt das Setting sehr bodenständig und realistisch. Beim Film Troja erinnere ich mich an viel Gold und Glamour. In der Serie hingegen wirkt Troja wie eine größere Handelsstadt und die Adelsfamilie eher wie eine wohlhabende Händlerfamilie. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie die Menschen vor 3000 Jahren lebten, aber Kostüme und Setting überzeugten mich. Zum Beispiel waren die Schwerter alle leicht orange, was verdeutlicht, dass wir uns in der Bronzezeit befinden. Sicher findet man Makel, z.B. dass es damals wohl keine Steigbügel gab, aber das sind Kleinigkeiten, die die Illusion nicht groß stören.

Das mit der zerstörten Illusion sehen einige Leute anders. Im Vorfeld der Serie gab es große Empörung, dass Achilles von einem schwarzen Schauspieler verkörpert wird. Achilles, Sohn einer Meernymphe, durch den Unterweltfluss Styx fast unverwundbar geworden, von einem Kentauren großgezogen, ja, wie historisch unrealistisch sei da die Besetzung durch einen schwarzen Menschen! Der durchschnittliche Grieche von vor 3000 Jahren wird nicht wie ein blonder Brad Pitt ausgesehen haben, aber ein besonders gutaussehender Weißer erscheint für die Besetzung einer gottgleichen Figur als „logisch“ während ein Schwarzer in einem Setting im Mittelmeerraum abstrus ist? Machen wir uns nichts vor, hier geht es nicht um „historisch korrekte Darstellungen“, die seltsamerweise nie zum Tragen kommen, wenn Geschichten oder Charaktere einem Whitewashing zum Opfer fallen. Achilles ist übrigens nicht der einzige schwarze Charakter, mit Zeus und Aeneas (gespielt von Alfred Bloch, den man aus How to get away with murder kennt) sind zwei weitere prominente Figuren schwarz, und auch zahlreiche Nebenfiguren sind nicht weiß.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Kritik, Helena sei nicht schön genug. Ich fand es in der Serie richtig, dass Helena sich optisch nicht von den anderen Frauen abhob (und zum Glück nicht durch blonde Haare als „besonders schön“ markiert wurde). Paris verliebt sich auf einer diplomatischen Mission in die Königin Helena, nachdem ihm Aphrodite die schönste Frau der Welt versprochen hatte. Spielen bei Paris‘ Begehren nicht auch die Prophezeiung, Helenas Status und ihre Hintergrundgeschichte eine Rolle? Denn Helena war unter den griechischen Königen sehr umkämpft und wurde letztendlich zum Geschenk Agamemnons an seinen Bruder. Sie ist nicht (nur) aufgrund ihrer selbst begehrt, sondern (auch) aufgrund ihres Marktwertes.

Apropos Frauenrollen: sie sind in Troy deutlich besser ausgearbeitet, als ich es anfangs vermutet hätte. In der Serie begegnen einem drei Typen: Göttinnen, Amazonen und die Frauen von Troja. Dabei scheint Troja im Gegensatz zu Griechenland bei den Frauenrechten deutlich progressiver zu sein, weswegen die zwangsverheiratete Helena dort bleiben und Paris heiraten darf. Gut, dass die oben erwähnten „Kritiker“ die Serie erst gar nicht gesehen haben, sonst hätte sich zum Rassismus sicher noch Misogynie gesellt ;)

Fazit: Ich würde Troy: Fall of a City nicht als Meisterwerk bezeichnen, aber als durchaus gelungene Miniserie, die gut unterhält, den antiken Stoff interessant aufbereitet und ein überzeugendes Setting hat. Der Cast ist weitestgehend gelungen, insbesondere Achilles, gespielt von David Gyasi, fand ich großartig (Brad Pitt-Achilles war mir im Film ein Rätsel und das meine ich nicht positiv). Schade fand ich nur, dass einige Figuren zu kurz kamen: Agamemnons „größter“ Moment lässt einen weitesgehend kalt, weil keine Hintergrundgeschichte etabliert wurde. Und Kassandra hätte ruhig mehr Screentime haben können. Die Serie hat nichts mit Game of Thrones oder der Verfilmung zu tun. Wenn man schon Vergleiche zieht, dann eindeutig zu Vikings, wo historisches Stoff und Mythologie ähnlich verwoben werden. Wer die ersten Staffeln von Vikings mag, sollte bei Troy mal reinschauen. Eine zweite Mini-Serie, die die Abenteuer von Odysseus behandelt, halte ich für relativ wahrscheinlich und würde mich darüber freuen.

 

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