[Buch] Herland

Herland ist ein utopischer Roman, der 1915 von der Feministin Charlotte Perkins Gilman geschrieben wurde. Ihre Großtante war Harriet Beecher Stowe, die als Aktivistin gegen die Sklaverei die Underground Railroad unterstützte und mit ihrem Roman Uncle Tom’s Cabin Literaturgeschichte schrieb. Auch mit ihren anderen Großtanten aus der Beecher-Familie, einer Suffraggette und einer feministische Bildungswissenschaftlerinnen, verbrachte Gilman als Kind viel Zeit.

Worum geht’s? Drei Männer machen sich auf eine Expedition durch ein unerforschtes Gebiet, Gerüchte besagen, dass hier eine rein weibliche Gesellschaft lebt. Der Macho der Expedition ist überzeugt davon, dass irgendwo Männer sein müssen. Nicht unbedingt, weil sie zur Fortpflanzung benötigt werden, sondern weil Frauen alleine unmöglich eine Gesellschaft aufbauen könnten.

Herland ist weniger eine blumige Utopie, wie ich aufgrund des Titels anfangs vermutete, sondern eine fiktionale, sozial-ökonomische Fallstudie. Das ist kein Zufall, 1895 veröffentlichte Gilman Women and Economics. Ich vermute, dass viel aus ihrer Forschung in Herland  zum Leben erweckt werden.

Vorweg sei gesagt, dass die Gesellschaft in Herland tatsächlich komplett ohne Männer auskommt. Durch eine Mutation können  Frauen sich selbst befruchten. Aber das ist nur eine Nebensache, denn eigentliches „Herzstück“ Herlands ist die Professionalisierung der Kinderaufzucht. Die Kinder erfahren die beste Bildung und die beste Fürsorge, nicht unbedingt von der Mutter, sondern den Frauen, die dafür am geeignetsten sind. Die Mutter bleibt im Bild, aber „outsourced“ die Kindeserziehung und Bildung. Das darf man sich aber nicht wie in einem Internat vorstellen. Die Kinder werden sorgfältig gehegt und gepflegt, ihre Individualität gefördert. Das klingt etwas nach einer „die Dorfgemeinschaft erzieht das Kind“, allerdings ist dies nicht der Fall, denn Herland umfasst 3 Mio Einwohnerinnen.

Was ist der Antrieb der Frauen, wenn sie keiner Lohnarbeit nachgehen, keine Konkurrenz kennen, sondern allein für Gesellschaft, für die Zukunft ihrer Gemeinschaft arbeiten? Diese Fragen kennen wir aus Diskussionen zum bedingungslosen Grundeinkommen. Und was ist überhaupt „Arbeit“? So ist eine der Frauen ganz verwundert, dass in dem Land der Männer laut deren Aussage Frauen nicht arbeiten: „Tell me first, do no women work, really?“. Wie auch heute, die Care-Arbeit vieler Frauen wird nicht als „Arbeit“ definiert.

Auch zu den Themen Haustier- und Nutztierhaltung gibt es erstaunlich aktuelle Perspektiven. Nutztierhaltung gibt es in Herland nicht mehr, da sie nicht ökonomisch war. Die Milchindustrie (Kühe kalben lassen und dann die Muttermilch wegnehmen) klingt nach purem Horror für die Frauen. Und wieso liebt man Haustiere und sperrt sie gleichzeitig ein? Eine feministische Utopie, die auch 100 Jahre später noch aktuell ist: In Herland leben Katzen völlig frei und sind geschätzte Gefährtinnen.

Kritikpunkt an der Lektüre: Die Landmasse ist stark begrenzt. Es kann kein unendliches Wachstum geben. Daher ist die Zeugung von Kindern kontrolliert und nur den geeignetsten Müttern vorbehalten. Die Gesellschaft in Herland ist also der Eugenetik hingewandt. Laut Gilman können so negative Charaktereigenschaften so raus gezüchtet werden. Allerdings schwingt an einigen Stellen Rassismus und Klassismus mit.

Fazit: Herland ist trotz seines Alters keine verstaubte Lektüre, sie hätte auch von einer feministischen Twitter-Nutzerin geschrieben sein können. Allein, dass die Frauen in Herland Kleidung mit ganz vielen Taschen haben, was die Männer total irritiert. 100 Jahre später schlagen wir uns mit solchen Banalitäten noch immer herum! Gilmans sozial-ökonomische Ideen sind sicherlich keine Blaupause, aber noch heute interessant zu lesen. Weitere Kritikpunkte an Herland: der für mich etwas dröge Schreibstil (Mischung aus Reisebericht und sozialer Studie) und diese unsympathischen Dudes als Protagonisten. Trotzdem bleibt Herland sehr lesenswert.

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