[Buch] We

Über Yevgeny Zamyatins Roman We bin ich irgendwann in einer Liste von dystopischen Romanen gestolpert. Der Roman ist 1921 fertig gestellt worden, wurde dann aber in der Sowjetunion als erstes Buch überhaupt verboten. Zamyatin schmuggelte es in den Westen, dort wurde We 1924 auf Englisch erstmalig veröffentlicht. Letztendlich durfte der Autor 1931 nach Paris emigrieren und starb dort 6 Jahre später in Armut. Zamyatin gilt als einer der ersten sowjetischen Dissidenten und sein Werk We als einer der ersten satirschen dystopischen Romane überhaupt. In der Schule haben wir zwar das Thema dystopische Romane behandelt, von dem russischen Werk erfuhr ich jedoch nichts. Zeit also eine Bildungslücke zu schließen.

Worum geht’s? Vor tausend Jahren wurde die gesamte Welt vom United State (in manchen Übersetzungen One State) erobert, den katastrophalen Krieg haben nur 0,2% der Menschen überlebt. Sie leben nun in einer riesigen Stadt aus Glas, die grüne Natur durch eine riesige Mauer abgeschirmt. Freiheit wurde abgeschafft, da sie das vollständige Glück verhindere. Die Menschen leben streng getaktet, nach mathematischen Prinzipien und Logik ausgerichtet. Sie tragen keine Namen, sondern Nummern. D-503 ist Ingenieur und baut an dem ersten Raumschiff des United States. Eines Tages trifft er auf die Frau I-330, die verbotenerweise raucht und offen mit ihm flirtet (Sex ist staatlich reglementiert und Flirten daher verboten). Und so beginnt die altbekannte Geschichte, dass die Frau den Mann in die Rebellion verführt.

There is no final revolution. Revolutions are infinite.

Die bekanntesten dytopischen Werke erschienen erst Jahre nach We. Huxleys Brave New World im Jahr 1931 und Orwells 1984 im Jahr 1949. Nach eigener Aussage hatte Huxley We erst lange nach Fertigstellung von Brave New World gelesen. Zwar finden sich in beiden Romanen ähnliche Themen (Reproduktion wird vom Staat kontrolliert, Technik als Ersatzreligion etc.), allerdings sind die Romane doch sehr unterschiedlich. Wohingegen es deutliche Parallelen zwischen We und 1984 gibt. Orwell hatte We kurz vorm Schreiben seines neuen Romans gelesen und diesen auch als Model für sein Werk benutzt. Das merkt man beim Lesen auch sehr deutlich, die Erzählperspektive ist ähnlich, beide Protagonisten schreiben Tagebuch, es gibt den allüberwachdenen Staat, die verführerische Frau, die Erzählung baut sich ähnlich auf. Es ist deutlich zu erkennen, dass We die Blaupause für 1984 war.

Allerdings würde ich nicht so weit gehen, dass ich Orwell geistigen Diebstahl vorwerfen würde, dafür hat er doch einige Aspekte eingeführt, die We wenn dann nur anschneidet. Und Orwell hat meiner Meinung nach das bessere Werk geschrieben. Inhaltlich finde ich We überzeugend und großartig, aber der Schreibstil hat mir das Werk ziemlich verdorben. Die Sätze sind wirr und brechen oft ab, das Tagebuchformat tut der Geschichte keinen Gefallen. Es ist als ob man das Transkript einer aufgeregten Erzählung liest, die vielleicht als Hörbuch funktionieren würde, aber in schriftlicher Form einfach nur anstregend ist.

Fazit: Mir ging es hier ähnlich wie bei dem Film Metropolis: als Genrefan wollte ich We gerne kennenlernen und bereue es auch nicht, das Lesen durchgezogen zu haben. Aber eine besonders spaßige Angelegenheit war es nicht. Trotzdem war es letztendlich für mich eine Bereicherung, einen dystopischen Roman mit nicht-westlichem Background gelesen zu haben. Mein Wissen über die Sowjetunion ist zwar nicht besonders groß, aber selbst damit konnte ich einige Anspielungen in We verstehen. Und es ist schon etwas anderes, dass Huxley und Orwell ihre Romane in einem halbwegs demokratischen System schrieben, während Zamyatins Roman direkt verboten wurde. Leseempfehlung für alle Hardcore-Genrefans. Für den Rest reicht auch die Zusammenfassung auf Wikipedia.