[Buch] Frankenstein; or, The Modern Prometheus

Einen der ersten Science-Fiction-Romane hatte ich nie vollständig gelesen: Frankenstein von Mary Shelley. 1818 wurde der Roman anonym veröffentlicht, Shelley war gerade erst 20 Jahre alt.  1823 erschien der Roman unter ihrem Namen. Shelleys Mutter, die Feministin Mary Wollencraft, starb kurz nach ihrer Geburt. Sie wurde von ihrem Vater William Godwin, einem Schriftsteller und Philosophen, erzogen und gebildet. Sie heiratete den Poeten Percy Bysshee Shelley, dessen Arbeiten sie auch redigierte. Als sie 19 war, verbrachte sie mit ihm einen Sommer in Genf u.a. mit einem der bekanntesten Vertreter der Romantik: Lord Byron. Dort entwickelte sie die Idee für den Roman Frankenstein, der größtenteils auch in Genf spielt.

Die grundlegende Geschichte ist wohl bekannt: ein Wissenschaftler experimentiert, setzt Körperteile zusammen, leitet einen Blitz auf seine Schöpfung und das große, tumbe Monster erwacht zum Leben. Nun ja, das mit dem Blitz kommt so im Buch nicht vor und die Erzählung ist mehr als dieser ikonische Moment.

Die Handlung ist in einen Rahmenerzählung gebettet. Captain Robert Wolton ist auf einer Expedition am Nordpol und berichtet davon in Briefen an seine Schwester. Eines Tages sieht er eine riesige Gestalt auf einem Hundeschlitten über das Eis fahren. Ein paar Stunden später rettet die Crew einen fast erfrorenen Mann – Viktor Frankenstein. Dieser erzählt, wie er das Monster erschuff und dieses schließlich bis zum Nordpol jagte.

Am meisten überrascht hat mich, dass im Roman auch das Monster zu Wort kommt und sehr elaboriert davon berichtet, wie es aus Frankensteins Labor floh, versuchte zum Menschen zu werden (es konnte anfangs weder sprechen noch lesen) und schließlich daran scheiterte, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Sie waren zu abgestoßen von seiner Gestalt.

Noch heute ist das Thema Schöpfung/Menschwerdung dominant in der Science-Fiction, egal ob es um Klone, Androiden oder Machinen mit Bewusstsein geht. Bei Frankenstein ist ein wichtiger Aspekt die Qual des Schöpfers, was in modernen Erzählungen nicht so oft thematisiert wird, wahrscheinlich, weil es meist keine Individuen sind, die „Leben“ erschaffen. Aber als Gegenbeispielt fällt mir das Spin-Off von Battlestar Galactica ein, Caprica, wo die Erschaffung des ersten realistischen Cylons aus persönlichen Motiven geschieht.

Die Rezeption des Romans war zweischneidig. Sir Walter Scott lobte die Originalität und die „happy power of expression“. Anderseits gab es auch misogyne Kommentare, so schrieb der British Critic: „The writer of it is, we understand, a female; this is an aggravation of that which is the prevailing fault of the novel; but if our authoress can forget the gentleness of her sex, it is no reason why we should; and we shall therefore dismiss the novel without further comment.“ Man beachte das Wort authoress, was darauf hindeutet, dass auch das grammatische Neutrum im Englischen nicht immer alle Geschlechter einschließt.

Meine ersten Gedanken zu dem Roman waren übrigens, wie „männlich“ sich das Werk liest. Alle Frauencharakter sind passiv und nur für die Entwicklung der Männer da, die ihre Whininess in vollen Zügen auslassen. Und deswegen wird Shelley also vorgeworfen, sie hätte die „Zartheit ihres Geschlechts“ vergessen? Nun ja, in 200 Jahren ist vieles beim Alten geblieben.

Mir persönlich hat der Erzählstil mit der Rahmenhandlung und den vielen Briefen nicht ganz so zugesagt, alledings war das damals ein gängier Schreibstil. In Anbetracht dessen, dass Shelley anfing den Roman mit nur 18 Jahren zu schreiben und damit also eine Teenager maßgeblich ein ganzes Genre prägte, bin ich schwer begeistert und ehrfürchtig.