[Buch] The Power

The Power von Noami Alderman erschien 2016, gewann 2017 den Bayley’s Women Prize for Fiction und wurde von der New York Times zu den 10 besten Büchern des Jahres gewählt. Für den Roman konnte Alderman Margaret Atwood, vor allem bekannt durch The Handmaid’s Tale, als Mentorin gewinnen. „The Handmaids Tale meets the Hunger Games“ las ich oft als Blurb für The Power. Ja, man merkt den Einfluß von Atwood, denn The Power fühlt sich genauso radikal an, wie sich The Handmaids Tale damals – und stellenweise auch noch heute – anfühlt. Mit den Hunger Games hat The Power jedoch wenig gemeinsam, außer, dass beide kämpfenden Mädchen beinhalten. Man sollte hier also keinen Jugendroman erwarten.

In der Rahmenerzählung tauschen sich zwei Historiker*innen aus. Es wird deutlich, dass in dieser Welt die Geschlechtsverhältnisse umgekehrt sind, Frauen scheinen Politik, Kultur und Gesellschaft zu dominieren, der männliche Historiker bittet seine weibliche Kollegin demütig um Einschätzung seines Manuskripts. Dieses berichtet davon, wie vor langer Zeit die Power in Frauen erwachte und so die Verhältnisse für immer umkehrten. Damit die Geschichte nicht allzu trocken sei und mehr Leserinnen anspreche, werden die Geschehnisse aus der Perspektive mehrerer Personen erzählt.  Insbesondere zum Schluss enthält diese Meta-Erzählung schöne Seitenhiebe auf die jetztige Rezeption von Geschichte.

Die Binnenhandlung erzählt über mehrere Jahre hinweg, wie es letztendlich zum endgültigen Knall und Fall der alten Zivilisation kam. Es begann damit, dass junge Mädchen* Kräfte entdeckten, mit denen sie Elektroschocks verteilen konnten. Bei ihnen hatte sich am Schlüsselbein ein sogenannter Skein gebildet, ein Elektrizitätsorgan ähnlich wie es Aale haben. Jungen wurde zur Sicherheit von Mädchen getrennt, einige begannen sich zum Schutz mädchenhafter zu kleiden und langsam wandelte sich die Gesellschaft aufgrund der umgekehrten körperlichen Machtverhältnisse. Denn auch ältere Frauen können die Power nutzen, es benötigt nur einen kleinen Funken Antrieb von einem Mädchen.
(*nicht alle Mädchen haben eine Skein und manche Jungen haben eine)

Allie tötet ihren Stiefvater, als dieser sie wieder vergewaltigen will. Sie flieht in ein Kloster und beginnt auf die Stimme zu hören, die sie schützt und ihr eine neue Welt verspricht, eine Welt in der die Göttin ihr Stärke gibt.

Roxy, Tochter eines Gangbosses, muss die Ermordung ihrer Mutter mit ansehen und schwört auf Rache.

Margot versucht ihre politische Kariere voran zu treiben und gleichzeitig mit ihrer pubertierenden Tochter auszukommen. Endlich hat sie den Mut, ihre politischen Konkurrenten in die Schranken zu weisen und Angst als politisches Einflußmittel zu benutzen:

Margot says, ‚Sure, Daniel, I could zap you right now.‘ She makes a gesture, splaying her fingers wide. ‚Pfffzzzt‘
‚I don’t think that’s funny, Margot.‘
But the other people around the table are already lauging.

Tunde ist fasziniert und gleichzeitig verängstigt aufgrund einer Begegnung mit einem Mädchen, dass die Power für ihren sexuellen Genuß selbstverständlich einsetzte. Er beginnt zu recherchieren, begibt sich zu den Hotspots, wo unterdrückte Frau mit der Power aufbegehren und fängt an als Journalist zu arbeiten.

Was mir an dem Roman so gefiel, war, wie er aktuelle Machtverhältnisse illustriert, indem die Verhältnisse umgekehrt werden. Die Erzählung ist radikal, teilweise brutal und abstoßend.  Ein Spiegelbild zu unserer Welt. Aber nicht nur Gewalt gehört zur Power dazu. Allie nutzt sie, um einen Kult aufzubauen, mit Techniken, die an radikale US-Christen erinnern. Und Margot spinnt politische Intrigen, nutzt die Power anderer Mädchen für ihre Zwecke, bedient sich jedoch niemals selbst an ihrer Kraft. Aber sie könnte, wenn sie wollte…

It doesn’t matter that she shouldn’t, that she never would. What matters is that she could, if she wanted. The power to hurt is a kind of wealth.

Fazit: Man könnte The Power viel vorwerfen. Es ist zu abgehoben, zu vereinfachend, zu radikal. Aber ich denke, genau das ist die Stärke des Romans. The Power beschäftigt sich mit Themen wie Macht, Gewalt, Genderrolen, Rape Culture, Religion und systematischer Unterdrückung. 350 Seiten reichen nicht, um alles tiefgehend zu behandeln, sondern höchstens für einen Anriss der Problematik. Aber es gelingt The Power ganz gut, einen Einstieg zu bieten, indem es so polarisiert, entzürnt, aber auch zum zustimmenden Nicken verleitet. Das Gedankenexperiment soll den Diskurs eröffnen und ich denke es trifft viele (auch männliche) Leser*innen genau da, wo es treffen soll.