[Buch] Wir Strebermigranten

Allein schon der Titel von Emilia Smechowskis Buch ließ mich heftig nicken, ja „Strebermigranten“, das passt. Das sind die Polen, zweitgrößte Gruppe der Ausländer in Deutschland, nicht mitgezählt jene deutsche Staatsangehörige, die polnische Wurzeln haben. Und trotzdem völlig unsichtbar. Während die türkische Kultur mittlerweile fest verwurzelt ist in den Städten NRWs, gibt es so gut wie keine polnischen Restaurants oder Supermärkte, polnische Kirchen sind in Hinterhöfen versteckt, auf der Straße hört man selten Polnisch. Stimmt es, sind wir das, die Strebermigranten, die sich perfekt integriert haben, so wie es der Deutsche gerne hätte?

Emilia kam erst im Grundschulalter nach Deutschland, weswegen sie im Gegesatz zu mir noch einige Erinnerungen an ihre Zeit in Polen hat. Ihr Buch ist auch eine kleine Biographie, sie erzählt von ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihren Erinnerungen an die Großeltern. Aber auch, wie es in Deutschland weiterging, sie sich als Teenager besonders anstrengen musste und schließlich ihre Liebe zur Musik sie von ihren Eltern entfremdete, die lieber wollten, dass sie etwas „Ordentliches“ macht.

Emilia ist wie ich und viele andere 1988 nach Deutschland gekommen. Auch wie wir als sogenannte Spätaussiedler. „Deutsche, die in Polen lebten und nun heimkehren durften“. Dass unsere Eltern „echte“ Polen sind, interessierte in dem Fall nicht. Ein bisschen fühlt sich die Staatsbürgerschaft erschlichen an, aber man nimmt, was man bekommt. Unsere Eltern sind nicht vor solchem Elend geflohen, wie es heute Millionen von Menschen tun müssen, sondern sehnten sich nach mehr Wohlstand. Heute werden solche Menschen verächtlich als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet, als ob die Deutschen nie dorthin gehen würden, wo sie mit ihrem Geld angehmener leben könnten. Ich habe ja mal von so einer spanischen Insel gehört…

Emilia und ich und alle anderen Polen, die ich kennengelernt habe, sind mit einem ähnlichen Mindset aufgewachsen. Bloß nicht auffallen und immer etwas besser sein als der Deutsche. Im Gegensatz zu viele anderen sprachen meine Eltern wenigstens Polnisch mit mir, bzw. einen Polnisch-Deutsch-Mix. Meine Erstsprache beherrsche ich trotzdem nicht richtig, was mich mittlerweile traurig macht.

Wieso viele Polen kein Polnisch sprechen? Unsichtbar machen, nicht auffallen. Auch Unbehagen vor Nazis, also allen, die in den 80ern etwa über 60 Jahre alt waren. (Ich kenne zumindest keinen Polen, der an die Entnazifizierung oder „wir haben nichts mitbekommen“ glaubt). Wwenn sich zwei Polen treffen, grüßt man sich vielleicht, das war es aber auch. Es gibt keine Community, wenig Vernetzung. Anders ist es heutzutage zum Glück mit den neuen polnischen Migranten. Wenn ich diese auf Polnisch anspreche, sind sie hocherfreut, auf einem Street Food Festival hat man mir direkt einen Wodka spendiert.

Ich konnte mich in vielen Wiederfinden, was Emilia schrieb. Beispielsweise die Episode, wo sie im Fremdsprachenunterricht auf ihren polnischen Akzent hingewiesen wurde. Ja, habe ich im Englischunterricht erlebt. Der Hinweis war nicht nett gemeint, ich wurde ausgelacht. Der Deutsche liebt es mit einem unnatürlichen amerikanischen Akzent zu sprechen, alle Akzente, selbst die anderer gebürtigen Englischsprecher*innen sind eine Minderleistung. Das führte dazu, dass ich bis heute Blockaden habe, wenn ich vor Deutschen Englisch sprechen muss, obwohl ich es studiert habe und sogar einen Phonetikkurs inkl. Ausspracheprüfung absolviert hab.

„Wir Strebermigranten“ kann ich nicht nur Leuten mit polnischen Wurzeln empfehlen, sondern auch allen anderen, die mehr über ihre unsichtbaren Mitmenschen erfahren möchten bzw. mitunter ja selbst irgendwo versteckt polnische Freunde oder Familienangehörige haben. Und da im deutschen Geschichtsunterricht so gut wie nichts über das Nachbarland unterrichtet wird, wäre hier mal ein Anfang, oder?