[Spiel] Mythos Tales

Es ist wirklich schade, wenn ein Spiel hätte echt toll sein können, es dann aber wegen Kleinigkeiten gehörig die Laune verdirbt. So geschehen bei Mythos Tales. Das auf Erzählung und Deduktion fokusierte Detektivspiel konnte uns leider in spielmechanischer Hinsicht nicht überzeugen und führte mit der Zeit zu immer mehr Frust und Unlust. Durch die letzten zwei der acht Fälle haben wir uns mit viel Galgenhumor durchkämpfen müssen. Schade, dass das in H.P. Lovecrafts Universum angesiedelte Detektivspiel nicht überzeugen konnte.

Mythos Tales beinhaltet wenig Material, dafür aber hochwertiges. Eine Stadtkarte von Arkham, ein Adressbuch und für jeden der acht Fälle eine schön gestaltete Tageszeitung. Herzstück des Spiels ist das Abenteuerbuch. Für jeden Fall gibt es eine Einleitung, bei der Prof. Armitage den Ermittlern den Fall kurz vorstellt und sie auf die „Jagd“ nach Hinweisen schickt. Für die Lösung des Falls hat man unterschiedlich lange Zeit, d.h. man kann nur eine begrenzte Anzahl an Orten aufsuchen. Dafür konsultiert man die Karte und/oder das Adressbuch und schlägt im Abenteurbuch den entsprechenden Ort auf. Idealerweise erhält man dort Hinweise auf das weitere Vorgehen und die Ermittlung.

Wenn man das nicht so gute Lektorat und die Inkonsistenz bei aus dem Englischen übersetzten Begriffen ignoriert, hat man eine atmosphärische Erzählung, die an cthuluoiden Pen & Paper Rollenspiele erinnert.

Man könnte auch fast behaupten, dass Mythos Tales den Pluspunkt hat, ohne eine*n Spielleiter*in auszukommen. Leider spoilert man sich aber beim Durchblättern des Abenteuerbuchs. Ich verstehe nicht, wieso man hier keine App eingesetzt hat. Es hätte ja sogar ein PDF gereicht, bei dem jeder Ort eine eigene Seite hat. Aber gut, man kann auch mit dem Abenteurbuch leben und Spaß haben.

Und wo ging der Spielspaß verloren? Die Fälle sind so ausgelegt, dass man immer mehr Aspekte der Geschichte freilegt und tiefer in den cthuloiden Kosmos eindringt. Wenn die Ermittlungszeit vorbei ist, müssen die Spieler*innen 10 Fragen beantworten und erhalten dann entsprechend Punkte. Manchmal stellt man dann fest, dass man an einem Handlungsstrang komplett vorbeigelaufen ist. Könnte man auch noch verschmerzen. Richtig ärgerlich wurden die zahlreichen Minuspunkte, z.B. durfte man theoretisch 15 Orte aufsuchen, erhielt aber einen Minuspunkt, wenn man über 10 Orte besucht hat. Man wird also bestraft, wenn man die Geschichte komplett auskosten will und so viele Orte wie möglich besuchen möchte.

Es gibt auch Minuspunkte für jede cthuluiode Begegnung. In anderen Cthulhu-Spielen gibt es dafür einen Marker für „Wahnsinn“, der die geistige Degeneration der Ermittler darstellen soll und von manchen auch mit Stolz gesammelt wird. Bei Mythos Tales ist es jedoch nur frustrierend dafür bestraft zu werden, dass man eine besondere interessante Erzählpassage aufgedeckt hat. Man hätte dies besser lösen können, indem die Ermittler Wahnsinnspunkte bekommen und nach den acht Ermittlungen je nach Anzahl der Wahnsinnspunkte ein anderes Ende vorgelesen wird.

Letztendlich haben wir nur den ersten Fall gewonnen und alle anderen haushoch verloren. Wäre auch noch halbwegs ok gewesen, weil wir die Geschichten der ersten Fälle toll fanden.

Aber dann ist da der Musterlösungsweg. Bei einigen Fällen vertraut der Lösungsweg sehr stark auf den Zufall oder göttliche Eingebungen (z.B. wenn es darum geht herauszufiltern, welcher der ca. zehn Zeitungsartikel nun ein Hinweis ist und welcher in eine Sackgasse führt). Es gibt etwa 10 Standorte, die man aufsuchen kann. Nur leider stellt sich oft die Frage, wieso der Lösungsweg ausgerechnet diesen und nicht den anderen aufgesucht hat. Der Mangel an Hinweisen ist schon ärgerlich genug. Aber dann sind da noch Lösungswege, die von der Spielmechanik her nicht funktionieren. Hier hat das Lektorat/Playtesting massiv geschlampt.

Schade. Mythos Tales hätte nur etwas Playtesting gebraucht, was bei dem Spiel kein großer Aufwand gewesen wäre. So wird es leider zum Frusterlebnis und bei den letzten Fällen konnte das auch die spannende Geschichte nicht retten. Vielleicht sollte man bei dem Spiel die Beschränkung der Orte höher setzen und auf die Punkteauswertung verzichten, sodass man ein reines Erzählbuch hat.

Alternativen? An sich gefällt mir das Genre. Man erlebt zusammen eine interessante Geschichte, muss sich nicht in Regeln einarbeiten und so gut wie gar nichts aufbauen. Allein deswegen konnten wir Mythos Tales so zügig durchspielen. Dem Spiel ähnlich ist die Reihe Sherlock Holmes Consulting Detective, die ich gerne mal ausprobieren würde. Und da wäre noch das bei BGG sehr gut bewertete Detective von Portal Games. Allerdings sollen hier die Fälle nicht 60 bis 90 Minunten, sondern einen halben Tag in Anspruch nehmen, was mir wahrscheinlich zu viel des Guten wäre. Immerhin sind beide Spiele mit 40€ nicht allzu teuer, um einen Versuch zu wagen.