Letztes Jahr war ein wundervolles Konzertjahr, das ich hier kurz zusammenfasse bevor einiges in Vergessenheit gerät.
Das schlechteste Konzert war definitiv Morrissey im Kölner Palladium. Die Location an sich finde ich schon furchtbar, weil man als Mensch unter 180cm die Bühne kaum sehen kann. Morrissey ist live schon großartig und ich liebe seine Stimme nach wie vor. Aber das Konzert war trotzdem das schlimmste, weil der Herr uns eine Stunde lang warten ließ während irgendein artsy-fartsy Film lief. Immerhin tauchte er auf, er ist bekannt für zahlreiche spontane Absagen. Noch schlimmer war aber das Publikum, lauter aggressive Männer, die sich schamlos direkt vor kleinere Frauen stellten, manche auch noch logen, dass ihre Freunde „da vorne“ wären. Immerhin hatte ich mit zwei anderen kleineren Frauen ein Rudel gebildet und zusammen haben wir die Männer weggebeten oder direkt weggetreten. Nun gut, ist ein weiterer Punkt von der musikalischen Bucket List abgehakt. Man weiß ja nie, wen man nochmal sehen kann.
Passenderweise hatte ich ein ähnlich unangenehmes Publikum bei Johnny Maar, der mit Morrissey früher in der Band The Smiths war. Auch hier drängelten sich Kerle direkt vor mich. Einer erklärte sehr laut seiner weiblichen Begleitung ein Lied, was gerade gespielt wurde. Ich weiß jetzt, wieso Smiths-Fans in einigen Reddit Subs als arrogante Schnösel bezeichnet werden . Trotzdem konnte ich das Konzert halbwegs genießen und einen der besten Gitarristen live sehen. Außerdem war es schön, dass er andere Lieder der Smiths spielte als Morrissey.
Dann gab es eine Menge an Konzerten, die gut und unterhaltsam waren und wo das Publikum ok war. Snow Patrol hatte ich zuletzt vor 20 Jahren oder so live gesehen und es war wieder sehr schön und ich freue mich auf das nächste Mal. Ride haben eine kleine Europatour gemacht, so habe ich den Oasis-Bassisten Andy Bell mal als Gitarristen in seiner vorherigen Band gesehen. Hier hätte ich mir aber Sitzplätze gewünscht, weil das eine Musik ist, zu der man eher chillt. Ebenso beim Konzert von God is an Astronaut. Ok, eigentlich möchte ich immer einen Sitzplatz, selbst wenn ich ihn vorwiegend als Stehplatz nutzen.
Dann war da noch Robbie Williams in Gelsenkirchen. Die Vorband The Lottery Winners fand ich ganz ok, aber der etwas schrille Frauengesang war nicht mein Fall. Robbie selbst macht mehr Show als Gesang, es war ganz nett sich mal anzuschauen, aber ich persönlich brauche bei Konzerten keine begleitende Zirkusshow.
Sehr erfreut hat mich ein 2-für-1 Deal, wo ich Blossoms und Inhaler zusammen sehen konnte.
Inhaler fand ich richtig gut, aber mein Herz ging an deren Vorband Blossoms, grandioser Auftritt und ich hab dank Tom Odgens Erklärung zum ersten Mal kapiert, dass Gary (Titel des letzten Albums und eines Lied) ein großer Plastik-Gorilla ist… die Textzeile „he’s six feet tall with a fiber-glass hull“ hatte ich bis dahin wohl ignoriert und gedacht, dass Gary ein Kind oder ein Hund sei.
Ganz wundervoll war das sehr kleine Konzert von The Lathums. Großartige Stimmung, es schien, dass die Band halb Manchester mitgenommen hat. Tolles Konzert, sympathische Band, freue mich schon auf den nächsten Gig, vielleicht in UK in einer größeren Location.
Mein Highlight war definitiv Pulp in London im O2. Ich war zu dem Zeitpunkt eh in London und habe mir recht spontan ein Ticket gekauft. Pulp war vor meiner Zeit, Jarvis Cockers Solokarriere habe ich nur am Rand verfolgt, aber das neue Album von Pulp fand ich ganz gut und deren Song Spike Island war mein Lied des Jahres 2025. Bei dem Konzert gab es keine Vorband, was schonmal ein großes Plus war, außerdem war genau auf der Hälfte des Konzertes die Pause, perfekt um sich nochmal eine Tüte Chips zu holen. Die Fans war sehr sympathisch und freundlich, besonders erstaunt hat mich, wie viele junge Menschen da waren. In meiner Peripherie konnte ich zwei junge Mädels beobachten, die jeden von Jarvis Cockers „Dinosaurier-Ärmen“-Tänzen mitmachten, das war sehr putzig. Als Jarvis meinte, dass er Schwierigkeiten hatte sich auf den nächsten Song vorzubereiten, „but then I just learned to sing it“, habe ich diese Spitze nicht so ganz verstanden. Ich weiß zum Beispiel, dass Liam Gallagher einige Lieder anders singen muss, weil er nicht mehr so hoch singen kann wie als 20jähriger („I can’t sing like a fairy anymore“). Aber letztendlich ging es glaube ich Jarvis darum, dass heutzutage sehr viele music acts auf der Bühne autotune verwenden, eine Software, die live beim Singen die Stimmlage korrigiert. Wozu ich später sehr viele Analyse-Videos gesehen habe und ins rabbit hole gefallen bin. Jetzt ist mir auch klar, wie Sänger:innen, die extrem viel Choreo auf der Bühne machen, trotzdem dabei so gut singen können, ein Computer richtet es. Nunja. Würde ich gerne im Vorfeld wissen, ob ich eine live show sehe oder nur pseudo-live. Anyhow, Pulp war für mich das Comeback des Jahres, deren Album ging sofort auf Platz 1, bei meinem Konzert haben sie stolz die goldene (?) Schallplatte gezeigt und das Konzert war einfach perfekt, sodass ich am liebsten am nächsten Tag nochmal gegangen wäre. Noch habe ich Hoffnungen, dass sie vielleicht 2026 nach Deutschland kommen.
In völlig anderen Sphären bewegen sich die zwei Konzerte von Oasis und auch alles Live 25. Ich weiß noch, als vor den Konzerten jemand in reddit fragte, er könne nur ein Ticket für 1000 Dollar kaufen, ob es das wert sei. Ich hab gesagt, nein, wenn du so eine Show wie bei Taylor Swift oder Coldplay erwartest, ja, wenn du eine wahnsinnige, einzigartige Publikums-Energie erleben möchtest. Nun ja, letztendlich übertraf das Publikum meine Erwartungen noch um einiges und es war schön, wie viele neue Fans sich dazu kamen. Jedenfalls, ich dachte bis dato, dass ich 2024 mit der Definitely Maybe-Tour das beste Oasis (-ish) Konzert gesehen hatte, aber 2025 hat nochmal alles um ein vielfaches getoppt, ich werde noch in 30 Jahren daran denken. Schon beim pre act Richard Ashcroft ging das Publikum sehr mit, bei Bittersweet Symphony am Ende explodierte der Saal. Und diese positive, explosive Stimmung trug sich dann 2h lang durch das Oasis-Konzert. Jedes Lied wurde von Anfang bis Ende mitgesungen, bei den ersten fünf Liedern hatte ich Schwierigkeiten Liam zu hören, same for Liam, der permanent dem Soundguy zuwinkte, ihn lauter zu stellen. Das Publikum war der Wahnsinn und einfach jedes Konzert der Live 25 Tour war das beste Konzert ever für die Leute. Ich persönlich hatte mich am meisten auf alle zweistimmigen Lieder gefreut, insbesondere Aquiesce, Hello, Stand By Me, Live Forever, Cast No Shadow und es war noch tausend Mal besser als erwartet. Auf Noels Set hatte ich mich weniger gefreut, weil ich die meisten der Lieder schon permanent auf seinen Solo Gigs gehört hatte… aber im Stadium war es doch ganz anders und es ging nicht nur mir so, dass man die Lieder quasi neu für sich entdeckt hat. Sogar so eine Ballade wie Talk Tonight funktionierte erstaunlich gut, wenn 90.000 Leute mitsingen. Aber auch Rock n Rock Star war nochmal ganz anders als 2024. In Edinburgh hatte ich etwas Befürchtung, dass gleich das Stadium zusammenbricht, so sehr bebte die Erde. Dass Oasis zurecht als band of the people bezeichnet werden, hat 2025 mehr als gezeigt.
