[Buch] Thinfluence

Ein furchtbarer Titel, wo ich direkt an Anorexie-Instagram-Accounts denke. Aber da das Buch der Ernährungswissenschaftler Walter Willett mitgeschrieben hat, dessen wissenschaftlichen Ernährungsguide Eat, Drink, And Be Healthy ich so toll fand, habe ich es gelesen. Thinfluence ist ebenso wissenschaftsorientiert und beschäftigt sich mit der Frage, welche Einflüsse es auf das individuelle Gewicht und den Fitnesslevel gibt, und wie diese positiv gesteuert werden können, was Willet dann als Thinfluence betitelt (thin bezieht er auf den Bauchumfang, wo das ungesunde Fett sitzt, nicht auf sogenannte Schönheitsstandards).

Er und seine Co-Autor*innen zeigen anhand von Studien, was betroffene Menschen schon selbst wissen, nämlich, dass Gewicht und Fitnesslevel keine reinen Individualentscheidung sind, sondern dass Faktoren wie Mitmenschen, Wohnort, Wohnumgebung und Arbeitsumfeld hier wesentlich beeinflussen. Das Autor*innen-Team beleuchtet jeden Bereich einzeln, gibt Fragebögen zur Eigenanalyse an die Hand und liefert gleichzeitig Verbesserungsvorschläge. Nicht wie man jetzt sofort sein Leben komplett umkrempelt, sondern in kleinen Schritten mit kleinen Verbesserungen. Die meisten hat man schon irgendwo gehört („Treppe anstatt Aufzug nehmen“), aber ich fand es trotzdem hilfreich, das alles gebündelt und geordnet zu lesen.

Das Buch hat Potenzial für empörte, verzerrende Schlagzeilen („Unsportliche Freunde austauschen!“). Nein, das Buch schlägt solche Radikalkuren nicht vor, betont aber, wie stark auch in diesen Bereichen der soziale Einfluss auf einen selbst ist und dass auch man selbst andere beeinflusst. Das Buch gibt hier Tipps, wie man kleine Veränderungen im sozialen Umfeld einführen kann, ohne direkt den kompletten Freundeskreis auszutauschen. (Oder alternativ den sozialen Kreis zu erweitern, ob durch Sportgruppen oder Weight Watchers, die tatsächlich sehr erfolgreich sind.)

Das Buch hätte ich gerne damals gelesen als ich meine „Erste-Vollzeitstelle“-Pfunde loswerden wollte. Dass ein Kaloriendefizit dazu gehört, wusste ich. Aber nicht, wie sehr „Thinfluence“ eine entscheidenden Rolle spielt. Ich nahm damals ab, nach fast einem Jahr war nicht viel davon übrig geblieben. 2021 lief es dann deutlich besser und nach der Lektüre von Thinfluence sehe ich, wie neben dem Kaloriendefizit viele andere Faktoren eine Rolle spielten: ein anderer Job, motivierenden Kolleginnen, mit denen ich immer die Treppe hochgehe anstatt den Aufzug zu nehmen, die sich gerne gesund ernähren. Zwei Hundetrainer, die mich nach Draußen scheuchen. Im Internet eine handvoll Vorbilder, allen voran Frauen, die Kraftsport machen, was vorher in meiner Wahrnehmung eher verpönnt war. Ich liebe Kraftsport und mag alles andere, Yoga, Pilates, Joggen etc. eher weniger. Austausch mit einer Freundin und sporadischer Austauch und gegenseitige Motivation auf SoMe.

Obwohl das Buch etwas zu spät für mich kommt, konnte es mir noch ein paar konkrete Tipps an die Hand geben. Ein kleiner Traum wäre jetzt, eine geschlossene Fitness-/Ernährungsgruppe von Anfängerinnen/Laien zur gegenseitigen Motivation zu finden.

(Einziger Negativpunkt: das Buch ist auf die USA zentriert und daher einige Tipps schlechter umzusetzen.)

[Film] Okja

Ich mochte ja schon Parasite von Bong Joon-ho sehr, aber Okja hat den oscarprämierten Film in meinen Augen nochmal getoppt. Dabei hatte ich keine große Lust darauf, weil „Kind freundet sich mit XY an“ nicht so mein Interesse weckt. Okja handelt von einem koreanischen Mädchen, das ein genmodifiziertes „Superschwein“ großzieht, welches von der amerikanischen Miranda Corporation zum Zwecke der Fleischgewinnung gezüchtet wurde. Zur Aufzucht schicken sie mehrere Ferkel in verschiedene Ecken der Welt, um dann nach 10 Jahren das schönste Schwein in den USA auszuzeichnen. Und damit die Massenproduktion von Superschwein-Fleisch zu beginnen.

Der Film ist schrill in seiner Darstellung der amerikanischen Mirando Corporation (großartig als deren CEO Tilda Swinton), was nur die Absurdität und Grausamkeit der ganz realen Fleischindustrie unterstreicht. Alles in allem hat man spätestens zur Mitte des Films das Gefühl, einen Film zu sehen, der einen sanft aber bestimmt in Richtung Vegetarismus drängt. Okja ist kein reales Tier. Auch wenn sie als Schwein bezeichnet wird, sieht sie eher wie ein Nilpferd aus, ihr Euter erinnert an eine Kuh und das ganze Gebahren an eine Mischung aus Kuh und Schwein, sofern man weiß, wie diese Tiere sich außerhalb von Massenhaltung verhalten: intelligent, verspielt, liebenswert. Manchmal fühlt man sich an ET oder Ein Schweinchen namens Babe erinnert. Nur um dann in rasante Actioneszenen zu geraten oder die Abgründe der Fleischindustrie.

Ein sehr toller Film, vielleicht der beste des Jahres für mich.

[Film] Fast Color

Auf Fast Color habe ich sehr lange gewartet, der Film ist 2018 erschienen und verschwand dann gefühlt im Untergrund. Nun konnte ich ihn endlich auf Prime anschauen!

Fast Color spielt im mittleren Westen der USA, in einer Zukunft, wo es seit 8 Jahren nicht geregnet hat und Wasser ein rares Gut ist. Ruth (gespielt von Gugu Mbatha-Raw, einigen bekannt aus der Black Mirror Folge „San Junipero“) ist obdachlos und versucht zu verstecken, dasss sie epileptische Anfälle hat, die Erdbeben verursachen. Irgendwann entscheidet sie sich, Hilfe bei ihrer entfremdeten Mutter (gespielt von Lorraine Toussaint, bekannt aus Orange is the New Black) zu suchen.

Der Film wurde als Superheldenfilm beworben, was meiner Meinung nach Fast Color nicht gut beschreibt. Zwar geht es hier um eine Person mit übernatürliche Fähigkeiten, der Plot hat aber wenig mit klassischen Superheldenfilmen gemeinsam und könnte eher als supernatural drama eingeordnet werden, das von drei Generationen von schwarzen Frauen handelt.

An einigen Stellen war mir Fast Color zu gemächlich und nicht ganz gut ausgearbeitet vom Skript her, aber insgesamt hat mir der Film, besonders dank der Darstellerinnen, richtig gut gefallen. Umso mehr freut es mich, dass Fast Color als Serie adaptiert wird, mit dem gleichen Autor*innen-Duo wie beim Film, und prodziert von einem Studio, das unter anderem Viola Davis gehört.